AUSSTEIGEN UND AUSZEIT
Ich hatte so einige Jobs: Zeitungsausträgerin, Imbissbudenfrau, Thekenkraft in der Disko, Assistentin, Souffleuse, Requisteuse, Altenpflegerin, Erzieherin, Lehrerin, Regisseurin. Der einzige Job, aus dem ich nicht aussteige, obwohl ich mir immer wieder Urlaub nehme, ist die Elternschaft. In allen anderen bin ich zeitweise ganz oder für immer ausgestiegen. Als ich 2014 beschlossen habe, dass ich mit dem Theater aufhören will, hatte ich schon mehrere Jahre des Zweifelns hinter mir und noch zwei Jahre in dem Job vor mir. Diese Zwischenzeit
war von vielen Amplituden durchzogen: Zweifeln am Aussteigen und Angst vor dem Neuanfang. Angst vor einer Fehlentscheidung. Angst etwas loszulassen, dass so vertraut und identitätsstiftend ist. Freude auf das Loslassen
und auf das Neue. Freude vor dem Ungewissen und Freude auf das Lernen. Als ich 2016 mit der Ausbildung anfing, fühlte sich das Ausgestiegen sein leicht und aufregend an. Wie Neubeginne sich so anfühlen. Euphorisch, wie der Kipppunkt, bevor die Achterbahn
nach unten saust. Adrenalin, Kribbeln, Ohrensausen, doppelter Espresso im Herzen.
Was ich losgelassen hatte, was ich vermissen würde, was verloren war, was ich nicht brauchte, was ich nicht vermisste, das stellte sich erst im Laufe der Zeit heraus.
Ich habe viele Kompetenzen mit in den neuen Beruf nehmen und von meinen Erfahrungen profitieren können, wie beim Reisen, der Erfahrungsschatz kommt mit. Das Leben geht weiter, eben nur
woanders. Es war wohltuend und entlastend mich neu erfinden zu können, keinem Bild entsprechen zu müssen und ein neues Profil zu prägen. Nun, da ich in den Regieberuf wieder eingestiegen bin, frage ich mich, warum ich mir nicht eine 6jährige Auszeit mit Reisen und ohne den Stress einer Ausbildung genommen habe?
Und dann erscheint die Summe der gemachten Erfahrungen, die ich in dieser Zeit sammeln durfte: ich habe viele interessante Menschen kennengelernt, ich habe Themen, wie Intersektionalität,
Diversität und Fragen: „Wie wird der Mensch zum Mensch? Wie geht Lernen?“ vertieft und hatte Zeit zum Lesen, Lesen, Lesen.
Und in mir hat sich die Erfahrung abgelegt, dass ich das kann: aus- und einsteigen, loslassen, neu anfangen, ganz zu bleiben, auch woanders.