KISS


Ich hab in meinem Leben schon sehr viel Glück gehabt. Unter anderem fing das damit an, dass ich von unseren Eltern anti-autoritär und bedürfnisorientiert erzogen worden bin. Ich bin Jahrgang 1976 und komme aus einer hessischen Kleinstadt. Mein Vater war Rechtsanwalt und queer, meine Mutter Theaterkritikerin und politisch aktiv. Meine Eltern haben in einer Agitpop-Theater-Gruppe gespielt und prägende Ereignisse meiner Frühsozialisation waren Open-Air-Konzerte, Ostermärsche, die Großdemo bei Brokdorf, das Hüttendorf gegen den Bau der Startbahnwest und bei vielen Parteitagen und Proben unter Tischen zu sitzen oder am 08. März Nelken auf dem Marktplatz zu verteilen. Ich weiß, wie es sich anfühlt in einer Kleinstadt aus einem unangepassten, exotisch-wahrgenommen Haushalt zu kommen und wie es sich anfühlt gegen die kleinbürgerliche Norm zu leben. Ich weiß, wie sich Solidarität, politscher Zusammenhalt und Empowerment anfühlen, denn in den 80iger Jahren waren Solidaritätsvisionen noch eine ungebrochene Kraft. 

Ich habe 20 Jahre in einem System gearbeitet, das zutiefst patriarchal und hierarchisch organisiert ist: Im Theatersystem. 

Am 12.05.2010 wurde im Haus der Berliner Festspiele die Ausstellung REGIE-FRAUEN: EIN MÄNNERBERUF IN FRAUENHAND eröffnet und ich durfte Teil dieser Ausstellung sein. Das Interview, das die Theaterwissenschaftlerin Christina Haberlik mit mir führte, ist ein wichtiges Zeitdokument für mich, weil es genau an der biografischen Schnittstelle stattfand, an der sich mein Blick auf das System schärfen sollte: Denn vor 2009 Jahren war ich jung, erfolgreich, hatte keinerlei Schwierigkeiten im Beruf zu arbeiten und ich war hochschwanger.
Zwei Fragen, die Christina Haberlik mir stellte, sind mir in Erinnerung geblieben: 

Was wird sich an Deiner Haltung und Arbeitssituation als Regisseurin durch die Mutterschaft verändern? 
Zu gern würde ich meinen Blick und meine Reaktion meines jüngeren Ichs nochmal sehen. Ich meine mich zu erinnern, dass ich mit Erstaunen, leicht irritiert und vollkommen selbstsicher geantwortet habe: „Meine Mutterschaft und meine Haltung zu dem Beruf werden sich nicht ändern. Statt der 5 Premieren in der Spielzeit mache ich dann eben nur noch 3.“

Die andere Frage lautete: 
Inwiefern siehst Du Deinen Werdegang in der Kontinuität der Frauen oder Regisseurinnen, die diesen Beruf vor dir ausgeführt und dir durch ihre Tätigkeit den Weg geebnet haben?
Frauen, die mir den Weg geebnet haben? Ausatmer, Lippen blähen, Stirnrunzeln… Frauen, die mir den Weg geebnet haben… Nachdenken, Augen aufreissen Mir fielen keine ein. Intendantinnen? Die waren damals selten und ich hatte mit keiner zusammengearbeitet. Und Regiekolleginnen? Kolleginnen… Puh… Wir waren wenige Regisseurinnen im Beruf und vor allem waren wir keine Kolleginnen

An dieser Stelle möchte ich Euch einen Textauszug aus MUSTERBRUCH von Patricia Cammarata zum Schlumpfine-Prinzip zitieren: „(Das Schlumpfine-Prinzip) umschreibt, dass es in Film und Fernsehen zahlreiche Protagonisten-Gruppen gibt, die, bis auf eine einzige Ausnahme, aus Männern bestehen. Diese Ausnahme bei den Schlümpfen ist Schlumpfine. Andere Beispiele waren in der Vergangenheit: Prinzessin Leia in Star Wars, Gabi in TKKG oder Dana Barrett bei den Ghost Busters. Es darf also Frauen geben, aber eben nur eine. (…) Daraus lässt sich ableiten: Wenn nur Platz für eine Frau ist, dann sind Frauen sich natürlich Konkurrenz. (…) Frauen sind Meisterinnen darin, die Schwachstellen anderer Frauen zu finden. Egal, was diese tatsächlich leisten. (…)“

In diesem Sinn war ich mir damals sicher, dass ich alles mir selbst zu verdanken habe. Teilen, verbinden, vernetzen, supporten oder die Reflektion über das System, die eigene Rolle darin oder meine eigene internalisierte Misogynie war mir fremd. Heute blicke ich kritisch auf mein Jüngeres ICH. Mir ist bewusst, dass ich als Token gebraucht wurde (wir brauchen noch eine junge Frau im Spielplan, wen gibt’s denn da?) und ich kann mein Verhalten als Patriachatskomplizin einordnen. 

Ich greife nochmal zu Patricia Cammaratas MUSTERBRUCH:
„Das Kleinhalten von Frauen geht interessanterweise nicht nur von Männern aus, sondern es gibt auch zahlreiche Frauen, die andere Frauen im Zaum halten, sodass es nach Möglichkeit zu keiner Umverteilung der Herrschaftsverhältnisse kommt. Diese Frauen kann man Patriachatskomplizinnen oder Patriarchatshüterinnen nennen. (…) Patriachatskomplizinnen bekommen ein kleines Stück vom Kuchen ab. Sie dürfen sich über andere Frauen erheben - aber natürlich nicht über Männer. Ein kleines bisschen Anerkennung zu bekommen und auch mal etwas sagen oder bestimmen zu können, das motiviert natürlich. Überspitzt formuliert ist es eine Art Überlebensstrategie im Patriarchat sich bei den Männern anzubiedern. Es greifen also ähnliche Prinzipien wie beim Mobbing. Dort gibt es nicht nur Täter*innen und Opfer, sondern unter anderem auch die Assistent*innen und Claqueur*innen. Erstere unterstützen Täter*innen aktiv, Claqueur*innen beteiligen sich nicht aktiv, billigen das Verhalten der Täter*innen aber oder verstärken es sogar durch Lachen und applaudieren. Ohne Assistent*innen und Claqueur*innen haben es Täter*innen tatsächlich sehr viel schwerer ihre Mobbing Attacken auszuführen. (…)“

Dank #Metoo, meinem Ausstieg aus dem Theatersystem, meiner pädagogischen Ausbildung und nach dem Lesen vieler Büchern von sehr klugen Frauen ist meine Sicht heute eine andere. Ich weiß, dass ich erst durch meine Mutterschaft erlebt habe, wie unvereinbar der Beruf mit dem Leben einer Familie ist. Ich weiß, dass ich durch mein Weiss-Sein privilegiert bin und Menschen mit Mehrfach-Diskriminierung im Theatersystem unterrepräsentiert sind und es auch meine Aufgabe ist, diese Menschen sichtbar zu machen. Ich weiß, dass sich viele Künstlerinnen auch heute noch die Frage „Art or Babys“ stellen. Als Künstlerin, finde ich, es muss „Art and Babys“ heißen. Es braucht Mütter in der Kunst, damit diese Perspektive und dieser Blick auf die Welt abgebildet wird. Ich weiß, dass ich ganz viel nicht weiß und lerne dazu, daher möchte ich Einblicke in die Fortbildung FEMINIST LEADERSHIP geben, die ich im letzten Jahr besucht habe:
FEMINIST LEADERSHIP ist nicht gleichzusetzen mit Female Leadership. Female Leadership ersetzt die männliche Führungsposition durch eine weiblich-gelesene Führungsperson, ohne die Machthierarchien in Frage zu stellen. 

Was ist das gängige Narrativ von Macht, das wir internalisiert haben? 
Es beschreibt einen Leader als HERO, meist männlich, 
ein Decision-Maker, der/die alle Macht in sich vereint, 
die Verkörperung von Charakter und Integrität.
Ein Provider von Visionen, Strategien und Missionen, 
der/die andere zu Höchstleistungen motiviert und 
alle Macht und Entscheidungen in sich bündelt.   

Patriarchale Systeme sind exkludierend, sie bauen Herrschaftsverhältnisse von Klasse und Geschlecht auf. Es ist ein Pyramiden-Denken, an dessen Spitze der weiße Mann steht, gern heterosexuell, verheiratet und christlich, mindestens aus der Mittelschicht und ohne Behinderung.

FEMINIST LEADERSHIP ist dagegen eine Verteilung von Macht auf einer horizontalen Ebene: partizipativ, inklusiv, empowernd und gekennzeichnet von einem Wertekanon, einer Praxis und Verhaltensweisen, die gemeinschaftlich, wertschätzend und respektvoll anderen gegenüber und gegenüber Wachstum, Ressourcen und Entwicklung sind. Die Grundlage ist das Wissen darüber, dass sich Machtausübung in drei Dimensionen zeigt: sichtbar, versteckt, unsichtbar. Was meint sichtbar, versteckt und unsichtbar?
Sichtbare Macht zeigt sich darin, wer an der Entscheidungsfindung teilnimmt und wer davon ausgeschlossen ist.
Versteckte Macht wird auch Agenda-Setting-Macht genannt. Also wer beeinflusst die Agenda hinter den Kulissen und wessen Stimme wird gehört und wer wird zu einem bestimmten Thema konsultiert.
Unsichtbare Macht – oder indirekte Macht – meint die Einflüsse auf das Mindset von Menschen, die sozialen Einstellungen, die Vorurteile, die Menschen formen, ohne dabei offensichtlich eine Rolle zu spielen. Die Medien- und Marketing-/Werbebranche sind klassische Anbieter dieser unsichtbaren Macht. Zum Beispiel üben die Medien unsichtbare Macht aus, indem sie ständig Entscheidungen darüber treffen, welche Themen hervorgehoben und welche ignoriert werden sollen, und indem sie Bilder konstruieren und Bedeutungen nachhaltig prägen. 

FEMINIST LEADERSHIP verfolgt zwei Ziele, um einen Wechsel der gängigen Machstrukturen zu praktizieren
1. Die sichtbare, versteckte und unsichtbare Macht kritisch zu hinterfragen
2. Alternative Machtmodelle zu konstruieren, die die sichtbare Form so weit, wie möglich, verstärken und unsichtbare und verborgene Macht schrittweise eliminieren.

Verbunden mit all diesem Wissen, wie stelle ich mir das Theater der Zukunft denn vor? Partizipativ, inklusiv, bildend, nachhaltig, lösungsorientiert, empowernd und divers. Das klingt schön. ABER: Wie werden aus Absichtserklärungen, die wir inzwischen überall lesen, Handlungen ganz im Sinne des Satzes: „Practice what you preach“?
Generell gilt: Wer Transformationsprozesse ermöglicht, hat drei Stellschrauben: Das Geld- und Zeitmanagement und darüber hinaus die Transparenz von beidem.
Das Theater der Zukunft wird sich aus der Umsetzung von Veränderungen in der Gegenwart ergeben. Ich skizziere ganz kurz ein paar Ideen, die nicht neu sind, wie wir alle wissen, haben wir keinen Wissensnotstand, sondern Handlungsbedarf:
· Die Leitung wird durch eine öffentliche Ausschreibung in einem transparenten Prozess gefunden.
· Diese Leitung besteht aus Menschen, die die Perspektiven von mehrfach diskriminierten Menschen vertreten und sich für diese einsetzen. Sie ist inkludierend.
· Es gibt eine vollkommene Gagen- und Honorartransparenz, die eine Deckelung nach unten und nach oben einschließt.
· Die speziellen Bedingungen von Care-Arbeit werden mitgedacht und umgesetzt (wie z. B. Care-Boni, Auszeiten, Planbarkeit der Arbeitszeit und Bewusstsein über Mikroaggressionen)
· Es gibt eine regelmäßige Supervision, sowie die Pflicht Fortbildungen zu besuchen.
· Der Zeitraum einer Intendanz ist begrenzt auf beispielsweise 12 Jahre, damit andere Menschen auch eine Chance bekommen.
· Es gibt eine partizipierte Spielplangestaltung: Das Denken in Sparten kann sich am Intersektionalen Feminismus und am Bewusstsein orientieren, dass unsere Lebensrealitäten vielfältig sind. Schon werden neue Sparten entstehen, diese müssen dann partizipativ gedacht und umgesetzt werden. Natürlich ist das Denken in Sparten fließend und nur eine Orientierung.
Ich beende hier meine Ideenskizze, denn einmal mit den Transformationsprozessen angefangen, entstehen sofort neue Handlungsaufforderungen.

Was kann jede*r einzelne heute schon tun? Seit ich wieder eingestiegen bin in das Theatersystem, agiere ich nach ein paar Merksätzen, die ich gern mit Euch teilen möchte. Und ich mache das mit einer Strategie aus dem Selbstverteidigungstraining, die nennt sich KISS – KEEP IT SIMPLE, STUPID. Daher für alle, die als Graswurzelbewegung heute und morgen schon Change-Maker*innen sind, gibt es jetzt „keep it simple, stupid“ – Empowerment to go! 

Wo ein ICH ist, ist ein Wir – das Private ist politisch!
Es ist ein Trick von Systemen, die Menschen unterdrücken und einzelne privilegieren, bestimmte Menschen zu isolieren. Durch die Isolation wertet das Individuum strukturelle Ungleichbehandlung als individuelles Versagen oder Schuld. ABER merke: Wo ein ICH ist, ist auch ein WIR

Rede über Geld! Gender Pay Gap, Life Earning Gap! Es wird immernoch viel zu wenig über Honorare oder Etats geredet. Aber wo zeigt sich am deutlichsten die Ungleichbehandlung? Daher redet über Geld. Und wenn Ihr viel habt, dann verteilt um! 

Check your privilege! Reflektiert Eure Privilegien, fragt, wo und wie andere supportet und sichtbar gemacht werden können. Es ist die Aufgabe privilegierter Menschen für das Unrecht weniger privilegierter Menschen auf- und einzustehen. 

Rede über Macht! Versuche die Dimensionen von Macht transparent zu machen. Redet über das Wissen, das nicht sichtbar, unsichtbar und versteckt ist. 

Supportet Euch! Schätzt die Zeit, die Arbeit, die Liebe wert, die andere in eine Produktion stecken oder gesteckt haben. Ändert den Blick: statt Defizite zu benennen, verbalisiert das Positive. Das wirkt sich auch positiv aufs Mindset aus. 

Schaff den Geniekult ab! Es gibt keine Genies. Alles, was Menschen erschaffen, ist Synergieeffekten zu verdanken. Erst die Verbindung und Vernetzung von Gedanken, Gefühlen und Erfahrung von vielen Menschen schafft neues. Einzelne hervorzuheben, ist Komplexitätsreduktion und male gaze. 

Check Deine internalisierte Misogynie! Gegenüber Dir selbst und anderen gegenüber. Sei keine Patriachatskomliz*in und auch keine Claqueur*in. 

Reproduziert nichts, was Ihr ablehnt! Don’t do Kanon, wenn es etwas darin gibt, was Ihr ablehnt. Reproduziert keine sexualisierte Gewalt und Rollenmuster. Seid Euch bewusst, dass Ihr sonst dazu beitragt, dass sexualisierte Gewalt normalisiert wird und Rollenmuster bewahrheitet. 

Empowert andere! Es gibt nichts, was Kreativität mehr beflügelt als Empowerment! 

Überrascht Euch! Gegenseitig, aber auch Euch selbst. Strukturen, Architektur, Infrastruktur, Glaubenssätze sind veränderbar. Geht unbekannte Wege, neue Konstellationen und bleibt im „try and error“- Modus und lernende! 

Verbindet Euch! Es fängt damit an, einander vorzustellen, „Hallo“ zu sagen, in Kontakt und in Verbindung zu gehen und zu bleiben. Sucht die Menschen, mit denen Ihr Synergie-Effekte eingehen könnt.

Vernetzt Euch! Tretet Netzwerken bei, weil nicht jede*r muss das Rad neu erfinden! 

Solidarisiert Euch! Macht Missstände sichtbar. Postet sie, erzählt sie weiter, und wenn Sprache gerade nicht geht oder ausreicht, dann stellt Euch als Körper in einem Konflikt dazu. Werdet sichtbar und macht andere sichtbar.

TOGETHER


Es macht mir gerade keinen Spaß mehr, darüber nachzudenken, wogegen ich bin, was schiefläuft und Zustände anzuprangern. Ich fühle den Spruch »I can’t believe, I’m still protesting this shit« in jeder Synapse. Im Laufe meiner Regietätigkeit konnte ich viele Erfahrungen mit patriarchalen Machthierarchien sammeln und immer wieder ploppte dann die Frage auf, wie ein Gegenentwurf aussehen kann?
Ich habe in der letzten Arbeit das Wort CHEESY neu kennengelernt. Genau kann ich noch nicht fassen, was es bedeutet - verstanden hab ich, dass es etwas umschreibt wie die Konsistenz von zerlaufenem Käse. Also, Leute, immer wenn’s mir zu cheesy wird, schreib ich Euch meine Gedankenfetzen kursiv auf, damit bleibt’s CHEESY, ist aber vielleicht unterhaltsamer.
Der Gegenentwurf … In meiner Arbeit habe ich für mich Antworten gefunden, viel davon besteht aus intuitivem Handeln, das auf gemachten und reflektierten Erfahrungen beruht, daher fange ich mal biografisch an.

Ich bin 2016 aus dem Theatersystem ausgestiegen, habe eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht und drei Jahre in einer Waldkita gearbeitet. Ich wollte herausfinden, wie das geht, Kinder ins Leben zu begleiten und sie dabei zu unterstützen, kommunikative, emotionale und soziale Kompetenzen zu erlangen. Das war eine sehr schöne Zeit mit viel interessantem Input, Begegnungen und Perspektivwechseln. 2022 bin ich mit neuem Wissen, neuen Erfahrungen und vielen Fragen wieder in das Theatersystem eingestiegen: Was hat sich nach #Metoo strukturell im Theatersystem verändert? Wo sind die Theater, die Transformationsprozesse (wie z. B. den Gender-Pay-Gap abzuschaffen oder für Diversität im Ensemble oder für Gleichberechtigung in der Präsenz der Geschlechter zu sorgen) bewusst angestoßen haben? Ich bin jedoch auch mit Vorhaben in Bezug auf meine eigene Arbeitsweise zurückgekommen und die klingen so schön wie: „Don’t work with assholes“, „Don’t do kanon“, „Schaff‘ so viele Gaps, wie möglich ab“, „Sorge für die Präsenz von anderen Perspektiven“, „Teile Deine Privilegien“ und „Arbeite mit Deiner eigenen Vulnerabilität und in Verbundenheit“. 
Dieser Text würde zu lang und auch zu langatmig werden, ich würde mich mit mir selbst langweilen, wenn ich meine Vorhaben in Bezug auf ihre Erfüllung in den letzten drei Jahren hier reflektieren würde. Daher, Tadaa, kommt Ihr nun in den Genuss, dass ich für die Beschreibung des Gegenentwurfs auf „Arbeite mit Deiner eigenen Vulnerabilität und in Verbundenheit“ eingehe.

Was machen wir eigentlich die ganze Zeit (6–8 Wochen) in den Proben auf der Probebühne/Bühne? Wie entsteht Spiel miteinander (Spiel mit dem Text, den Kolleg*innen, dem Bühnenbild, dem Kostüm, der Musik, dem Video und der Regie)? Wie entsteht ein Raum, der Kreativität möglich macht?
Für mich sind Probenprozesse im Idealfall Synergieeffekte aller Beteiligen. Es entsteht ein gemeinsamer Flow. Unvorhersehbar. Vorher unvorstellbar. Ein Netz aus Kreativität, Energie und Fantasie. Irgendwie magisch. 
Na toll. Magisch. Geht’s noch? Das ist jetzt wirklich cheesy. Und apropos Magie: Wie war das, „ein Magier verrät nie seine Tricks“? Und was ist eigentlich die weibliche Form von Magier?
Ich kann für mich sagen, dass ich über Verbindung und Verbundenheit arbeite. Schon wieder zwei so schwammige Begriffe. Ich kann das nur so. Meine Kreativität fließt am besten, wenn ich mich freue, Spaß habe, lache und ich Gefühle wie Zuversicht und Vertrauen fühle. Also keine Konflikte, alles schön soft und voller Harmonie?  - Nee, das meine ich nicht, Konflikte gehören dazu. Die sind dazu da, um gelöst und angesehen zu werden. Nee, ich meine so ein Gefühl von Verbundenheit, so kribbelig, angenehm, voller Zuversicht, so tüfteln und was Neues erfinden, miteinander. Ich krieg’s nicht formuliert. Ich weiß, dass andere Menschen anders arbeiten, manche brauchen Druck und Stress, um kreativ zu sein. Ich habe im Laufe der Jahre Menschen kennengelernt, die sehr gut über Widerstand, Misstrauen und Destruktion arbeiten können. Ich kann das nicht. Bei Druck, unter Stress und gepusht, da passiert bei mir folgendes: Alles blockiert, mein Hirn friert ein, ein riesiges Denkvakuum mit unendlicher Echofunktion entsteht, meine Gefühle verstecken sich, meine Mimik rennt ins Chaos, und ich versuche mich dann meistens als Exitstrategie weg- und rauszulächeln.

Einmal war ich auf einem Konzert von Kae Tempest und durfte dort spüren, wie Kae Tempest Verbundensein mit und im Publikum erzeugt. Das war wirklich irre. Wie ein Glitzerstaub aus Funken, der sich im ganzen Zuschauer*innenraum verteilt. Kae Tempest hat über Verbundensein (Connection) ein Buch geschrieben und ich zitiere: „Kreativität ist die Fähigkeit zu staunen und der Wunsch, auf das zu reagieren, was uns verblüfft. Oder einfacher gesagt, jede von Liebe getragene Handlung ist kreativ. Jede Form des Machens. Meistens ist Kunst damit gemeint, aber tatsächlich lässt sich der Begriff auf alles beziehen, was Aufmerksamkeit, Geschick und Erfindungsgabe verlangt. (…) Verbundensein ist das Gefühl, in der Gegenwart zu landen. (…) Kreatives Verbundensein ist der Einsatz von Kreativität, um Verbundensein zu erreichen und sich mit denjenigen, die den Moment mit einem teilen, in einem Raum größerer Verbundenheit zu begeben.“1

Für mich sind Probenprozesse sehr aufregende Vorgänge. Auch nach und mit 25 Jahren Erfahrung bin ich immer noch sehr aufgeregt bei der Lese- und Konzeptionsprobe. Es fühlt sich an, wie ein Wirbelsturm aus Vorfreude, Freude, Wiedersehen nach langer Zeit, Euphorie und Geburtstagsparty. 
Mein Hirn kann gar nicht so schnell sortieren, was da an Gespräch, Gefühl und Bedürfnis aufeinandertrifft. Um diese Erfahrung der ersten Begegnung mit dem Ensemble zu reflektieren und in den Probenprozess fließen zu lassen, versuche ich meine Wahrnehmung zu öffnen und offenzuhalten. Okay, das ist schon wieder alles so schwammig. Wie geht das konkret? – Ja, genau, apropos schwammig. Es ist ein bisschen, wie ich mir vorstelle, wie ein Schwamm sich fühlt. - Schwämme fühlen nichts. - Ja, okay, schon klar. Die im Waschbecken nicht, die im Meer aber schon. Egal.
Ich versuche meine eigenen Grenzen, Wahrnehmungen zu fühlen, gleichzeitig die der anderen Menschen wahrzunehmen, aufmerksam zu sein und einen Resonanzraum zu bilden. Es bleibt schwammig.
Meine quirlige Aufregung legt sich in den ersten Probenwochen, was bleibt, wenn es mit der Verbundenheit mit den Menschen im Proberaum klappt, ist eine große Freude. Freude darüber, mit diesen Menschen Kreativität auszutauschen, durch die Klugheit des Teams und des Ensembles so beschenkt, von dem, was entsteht, so überrascht und vom Spiel so berührt zu werden.

Kommen wir zum Begriff Vulnerabilität. Um in Verbindung zu gehen und sein zu können, gehört für mich dazu, dass ich mit mir und meiner eigenen Verletzlichkeit (Vulnerabilität) verbunden bin. Das ist doch jetzt noch so ein Emo-Begriff, der in unserer Leistungsgesellschaft voll unangenehm ist und nach Periodenslip und Soulfood klingt. Das will doch keiner wissen. - Ja, ich weiß, ich beschreibe es trotzdem. Ich versuche auf der Probe und im Probenprozess mit meiner eigenen Verletzlichkeit oder Vulnerabilität zu arbeiten. Ja, aber was heißt das denn jetzt konkret? Ich mache kenntlich, wenn mich etwas bewegt, stört, triggert, welche Ticks und Bedürfnisse ich habe, und welche Bedingungen ich zum Arbeiten brauche. Eine Art Self-Care, die ich versuche zu kommunizieren, und ich bitte alle am Probenprozess Beteiligten, dies auch zu tun. Mit der eigenen Verletzlichkeit zu arbeiten ist sehr entlastend und beflügelnd, weil es die Kommunikation klarer macht. Wenn ich morgens schon ärgerlich auf die Probe komme, weil ich schlecht geschlafen und in irgendeiner Warteschleife gehangen habe, mir die Vorfahrt als Radfahrerin genommen wurde, oder ich mir Sorgen um meine Familie mache, hilft es, das zu sagen und damit dafür zu sorgen, dass ich mein »Grumpysein« nicht auf die Menschen und die Probe übertrage. Oder ebenso, die Freude auf der Probe auszudrücken, dass wir miteinander arbeiten dürfen oder wir einen szenischen Entwurf gefunden haben. Eine Durchlässigkeit und Transparenz von emotionalem Erleben eben.

Ich habe herausgefunden, dass es Städte und Theaterhäuser gibt, in und an denen ich mich nicht wohlfühle und andere Städte und Häuser, an denen ich eine Energie spüre, die mich empowert. Warum ist das wichtig für den Probenprozess, wie eine Stadt zu mir ist und ich mich in einer Stadt fühle? Weil es Einfluss auf meine Arbeit hat, wie ich lebe, welche Begegnungen ich habe, wenn ich nicht arbeite. Als Regisseurin gebe ich meinen familiären, selbst gewählten Alltag auf, um in einer anderen Stadt zu arbeiten. Wenn ich mich in der Stadt nicht wohlfühle, dann will ich so schnell wie möglich weg, nach Hause, wo es immer schöner sein wird. Klar, aber auch ein Luxusproblem! Ich sag nur: Achtung Privilegien! Jammern auf hohem Niveau … ja, stimmt, aber erfahrungsgemäß gehen viele meiner Energien und Ressourcen so verloren ODER ABER ich bin beschwingt von der Stadt und gerne da. Dann komme ich auch beschwingt mit Freude auf die Probe.

Als Regisseurin habe ich Mitsprache, wer im Inner Circle mit im Proberaum sitzt, ich stehe aber wiederum unter dem Einfluss des erweiterten Zirkels der Menschen, die an einem Haus arbeiten. Wenn ich neu an ein Haus komme, dann lerne ich das gewachsene Arbeitsklima kennen, den »Ton«, der an diesem Haus gepflegt wird. Und da gibt es große Unterschiede, welche Kultur der Kommunikation und des Umgangs miteinander gelebt werden. Auch das bestimmt den Probenprozess und meine Möglichkeit in Verbindung zu treten. Das fängt damit an, wie sich begrüßt, in die Augen gesehen, einander vorgestellt und innerhalb kurzer Zeit sich verbunden wird. Es gibt ein Zutrauen in die Begegnung und in die Kompetenzen des Gegenübers. Es macht richtig Spaß, Freude und Frohsinn hier zu arbeiten! Und Verbundensein entsteht scheinbar ganz leicht, ohne viel Zutun, und das ist wirklich magisch! So. Ich habe jetzt wirklich alles gegeben, um zu beschreiben, wie es geht. Es fühlt sich allerdings nach einem Fail an, aber nur deswegen, weil das Gefühl der Verbundenheit so feinstofflich ist, dass die Beschreibung auf dem Papier, in Wort, in Schrift dem nicht nah kommt. Aber wer es kennt, weiß eh, was ich meine und wer es nicht kennt, darf sich darauf freuen, es zu fühlen.

Die Schweizer Soziologin Franziska Schutzbach hat gerade ein Buch mit dem Titel Revolution der Verbundenheit geschrieben und vielleicht trifft sie es: „Denn wenn wir die Verbundenheit pflegen, entscheiden wir uns ein Stück weit für eine positive Haltung dem Leben und den Menschen gegenüber. Verbundenheit zu leben bedeutet, dass wir daran glauben, dass andere gut sind und es gut mit uns meinen. Solange wir Beziehungen zu anderen leben und vertiefen, haben wir Hoffnung, dass es eine Welt geben kann, in der Menschen einander wohlgesonnen sind und miteinander leben wollen.“2

1  Verbundensein, Kae Tempest, Suhrkamp Verlag Berlin 2021, S. 15.
2  „Revolution der Verbundenheit – Wie weibliche Solidarität die Gesellschaft verändert“, Franziska Schutzbach, Droemer, München 2024, S. 283.

SISTERHOOD


Ich habe keine Schwester, ich hab einen Bruder. Einen großen Bruder. Einen GROSSEN Bruder. Zu dem hab ich immer aufgesehen.
Mein Bruder hat mal gesagt, die Beziehung zu einer Schwester oder einem Bruder ist die längste Beziehung, die ein Mensch haben kann.

Mit 3 Jahren bin ich meinem Bruder und seiner Bande hinterher gestolpert und ihnen durch’s Viertel gefolgt. Die Bande war ein wilder Haufen, Jungs mit Pfeilen, Erbsenpistolen, Matschbomben: Maxi, der Bäckersjunge war zart, klein und wurde von seinem Vater geschlagen, Ralf war kräftig, hat gestottert und wurde von seinem Vater täglich gedemütigt und bei Philipp war einfach alles schief, da war der Vater Polizist, glaub ich, hat geschrien, ein Choleriker.
Mein Bruder war der Anführer dieser Bande. Einer Bande, die sich hinten in unserem Garten, fernab der Gewalt der autoritären Väter und dem Schweigen der co-abhängigen Mütter, verschanzte. Vielleicht war er auch nicht der Anführer, denke ich gerade, vielleicht war er auch einfach nur einer von ihnen und bei uns einfach nur der Ort, oder weil wir den meisten Matsch hatten. Jedenfalls zog diese Bande abenteuerlustig durch die Gärten unseres Viertels und abgesehen vom Rummatschen, Schnitzen und Klingel-Steichen, waren die 4 Jungs friedfertig. Okay, ich wurde gefesselt, abgeschossen und irgendwann hab ich auch beschlossen, dass ich vor der Tür, nach dem Klingelstreich, stehenbleibe, nett lächle und winke, weil ich beim Wegrennen nicht mithalten konnte. Und der Koffer ging auch mal nicht mehr auf, weil das Schloss sich vom vielen Herumwerfen und Toben verhakt hatte und ich fand’s dann im Koffer drin auch irgendwann sehr stickig. 
Die Gewalt, der die Jungs ausgesetzt war, hatte noch eine Normalität, sie passierte den meisten Kindern im Viertel und mein Bruder und ich waren Ausnahmen einer gewaltfreien Erziehung. Dieses Recht wurde erst 2001 gesetzlich verankert und wir alle wissen, dass etwas, was so lange Realität war, sich nicht von heute auf morgen ändert –
Es waren die 80iger und wir Kinder liefen unterm Radar, Helikoptereltern waren noch nicht erfunden und wenn wir spätestens um 19:00 Zuhause waren, waren alle glücklich.

Jahre später, als mein Bruder in der Punkband DIE SCHWIEGERSÖHNE Schlagzeug spielte und Tags sprühte, schlich ich nur noch in seinem Bannkreis herum, es öffneten sich mir durch ihn die Türen des Jugendzentrums und des besetzen Hauses. Allerdings war ich dann nur noch drum herum, als kleine Schwester mehr ignoriert und höchstens geduldet. Aber etwas von seinem Glamour fiel als Glitzer auf mich herab.

Dann zog ich weg aus der Kleinstadt, wurde Regisseurin, stand plötzlich im Scheinwerferlicht, war immer busy und mega erfolgreich oder einfach mega busy ohne erfolgreich, jedenfalls immer mega weit weg in einer Bubble. Und plötzlich drehte sich unser Verhältnis. Ich wurde von der kleinen Schwester zur Schwester und er wurde vom großen Bruder zum Bruder.

Mein Bruder und ich haben im Januar 2022 das Haus unserer Kindheit leergeräumt. Neben vielen Erinnerungen, Staub und Mäusescheiß haben wir festgestellt, dass wir – obwohl wir seit langem nicht mehr in der gleichen Stadt wohnen, seit 30 Jahren nicht mehr den Alltag teilen, seit langem in Partnerschaft und Elternsein leben, also lange in anderen Familien-Systemen aktiv sind – dass wir ähnlich ticken, denken, nonverbal handeln und teilweise verbal synchron sprechen und antworten. Das ist verrückt. Das ist irre. Das ist Siblinghood. Das ist Geschwisterschaft für mich.

“You are my heart
you are my soul 
you are the feeling 
that love will grow”


COMEBACK


“Come back, come back to where you once belong.”

 6 Jahre habe ich etwas anderes gemacht. 6 Jahre war ich kaum im Theater. 6 Jahre habe ich nicht inszeniert. Ich hab auf die oft gestellte Frage „Warum macht Du kein Theater mehr?“ immer geantwortet: „Das ist vorbei. Das ist wie mit einer Beziehung, die zu Ende ist.“ 
In Zeiten des Lockdowns habe ich mich über die Diskussiongewundert, dass Theater doch systemrelevant seien und dachte, ja, das stimmt für diejenigen, die finanziell abhängig und selbstständig sind und für die, die nie aus der Bubble raus waren. Für mich hatte es keine Relevanz mehr. Nach dem 2. Lockdown tauchten Erinnerungen auf: An Probensituationen, wieviel ich gelacht habe. Wie es sich angefühlt hat, wenn diese gemeinsame Energie den Raum flutet. Wie viel Liebe füreinander da war, wenn es keine Demütigung, keinen Machtmissbrauch gab, sondern Achtsamkeit, Wertschätzung, Dialog auf Augenhöhe und jede*n so sein lassen, wenn ein angstfreier, kreativer Raum entsteht. Es ist einfach ein irrer gemeinsamer Schaffensprozess in einer Gemeinschaft auf Zeit. Und dann entstand die denkbare Möglichkeit, dass ich mit ausgewählten Menschen das nochmal versuche. Ich bin dann mit mir wichtigen Menschen spazieren gegangen und habe gefragt, was sich verändert hat? Ein befeundeter Schauspieler sagte: „Du musst Deine Ressourcen nutzen.“ Welche Ressourcen, hab ich gedacht? Ich fange wieder an, da gibt es keine Ressourcen.

Auf dem Festival BURNING ISSUE sagte Nicola Bramkamp etwas, wie: Wenn Ihr aussteigt aus dem Theater und Coachs werdet und/oder Lust auf eine Weiterbildung und/oder einen anderen Job habt, dann macht das. Aber kommt wieder. Die Theaterlandschaft braucht Euch. Und wenn Ihr Schauspieler*in, Regisseur*in wart, dann redet nicht davon in der Vergangenheit. Ihr seid das noch und werdet es bleiben. 
Dieser Zuspruch nicht direkt zu mir, sondern in den Raum hinein, hat mir Mut gegeben. Ich dachte, stimmt, ich bin staatlich anerkannte Erzieherin und Regisseurin. Und ich bin kein Einzelschicksal. Hier sind einige mit mir im Raum, die sich selbst aus dem Theaterbetrieb genommen haben und wenn sie wollen, gibt es einen Weg zurück.

Reflektierend aus den Erfahrungen, die ich gesammelt habe, weiß ich, was mir keine Freude gemacht hat, also habe ich mir ein paar Vorsätze gefasst: 
Ich will lieber in kleinen Räumen arbeiten. 
Ich werde nicht mehr mit Arschlöchern arbeiten. Was meine ich damit? Ich benötige für den angstfreien Raum der Probe Menschen, mit denen ich in Verbindung treten kann, deren kreatives Schaffen auf Augenhöhe und im Dialog entsteht. Menschen, deren kreative Energie nicht aus dem toxischen, sexistischen Widerstand entsteht, sondern Menschen, die sich öffnen, suchen und benennen können, was sie suchen.
Ich will wieder mit all den Menschen arbeiten, mit denen dieses wundervolle Arbeiten schon möglich war.
Ich will eine gleiche Verteilung der Honorare im Team.
Ich werde nur Stoffe, Themen inszenieren, für die ich brenne.
Ich werde nur mit Menschen an diesen Themen arbeiten, die sich für diese Themen  interessieren.

Ich bin wieder da und freue mich auf all die schönen Begegnungen!

SLIDEN


Unser Sohn lernt gerade Skateboard fahren. So stehe und sitze ich nach 16:00 auf einem Skateplatz und schaue zu, wie er die Rampen hinauf und hinunter rollt. Zusehen ist wichtig, einmal habe ich nebenher telefoniert oder einmal versucht zu lesen, weil das Buch für die Arbeit noch eben schnell fertiggelesen werden wollte.
„Du sollst zusehen!“, „Schau hin!“, „Mama!“ bin ich ermahnt worden: „Halte gefälligst den Augenkontakt, drifte nicht ab, konzentrier dich!“

Und ich verstehe das. Das hab ich mir vorgenommen, ab dem Moment als die Jungs in die Kita gingen. Nach einem 8-Stunden-Tag Arbeit in Schule oder Kita haben sie ein Recht, wenn sie wollen, auf eine anwesende Mutter, auf Kontakt, Beziehung und Verbindung. Und daran versuche ich mich seit 11 Jahren zu halten, ermahne mich, scheitere an meinem Vorsatz und betrüge mich oft mit dem Satz: „Ich mach nur mal schnell…“
Multitasking ist ja erwiesen gar nicht möglich, „schwedische Wissenschaftler*innen haben festgestellt“, dass nur sehr wenige Menschen ihre Aufmerksamkeit wirklich teilen können, die anderen tun nur so und können ihre Aufmerksamkeit eigentlich nur auf eine Sache fokussieren.


So und da sitze oder stehe ich und sehe zu, wie unser Sohn sein Gleichgewicht verlagert und rollt, da fühle ich plötzlich, wie meine Spiegelneuronen von seinen Bewegungen und seiner Geschwindigkeit getriggert werden. Ich sehe ihn gleiten, driften, sliden. Und da spüre ich dieses Gefühl: Sliden. Ein Gefühl von Bewegung, Tempo, Gefahr. Wie die Luft sich als Windhauch um den Körper herumlegt und teilt. Wie die eigene Beschleunigung Windhauch und Wirbel erzeugt.
Ich bin als Kind Rollschuh gelaufen, die meisten kennen Eislaufen und das aber eben auf vier Rollen ohne Eis. Es gab Pflicht und Kür. Ich war in beidem bestimmt nicht gut UND egal, weil: am Anfang musste ich mich einlaufen, also mit viel Tempo Runden laufen. Und da war ich sehr schnell und mein Körper hatte kein Gewicht mehr, da entstand dieses Gefühl: Sliden.

Warum schreiben?


Als Regisseurin gehört das Reisen, unterwegs zu sein, sich neu zu orientieren, in einer fremden Stadt, im Theater, in einem Land ankommen, sein und zurecht finden zum Berufsprofil und Prozesse wie Transferleistungen und Übersetzungen sind Tagesgeschäft. All das kostet Energie, ich hatte viel Energie und die hat für das Jetzt, die Proben, die Verbindung, den Austausch mit dem Produktionsteam und dem Theater gereicht, aber nebenher war nichts und /oder wenig möglich. Ich habe zugelassen, dass andere über mich schreiben, mich bewerten, mich beschreiben. Kritiken, Porträts, Interviews. Die habe ich manchmal gelesen, selten gegengelesen und korrigiert, fast nie habe ich mich gesehen und gemeint gefühlt. Fast nie? Eher nie.

Als Regisseurin habe ich nie geschrieben, erst in der Ausbildung zur Erzieherin musste ich wieder viel schreiben. Mit der Hand. Ich habe seitenlang Notizen gemacht, stundenlang Blätter in Klausuren gefüllt und am Ende eine Abschlussarbeit geschrieben.

Wofür es kein Wort und keine Schrift gibt, das kann unsichtbar bleiben, kann verleugnet, verleumdet, verschwiegen werden und ist nicht da. Daher schreibe ich.

GELD


Geld und Wertigkeit und Kulturjournalismus und Ruhm und Preise und Marktwert und Geld


Geld ist ein Tauschobjekt. Jede*r hat das Recht eine Währung zu erfinden und wenn es Menschen gibt, die diese Währung anerkennen, dann kann damit auch gehandelt werden. Geld hat einen emotionalen Wert. Wer über Geld gestritten oder schon geerbt oder eine Scheidung hinter sich hat, weiß wovon ich rede. Geld ist immer kontextbezogen viel oder wenig wert. Geld drückt den Markt- oder Markenwert aus. 

Bei Künstler*innen ist Geld, also das Honorar, die Summe, die ein Kunstwerk wert ist mit der Wertigkeit des*r Künstlers*in verknüpft. Ein gemaltes Bild hat einen Materialwert, der Marktwert des Bildes hängt vom Kunstmarkt und von der Wichtigkeit der Künstlerin oder des Künstlers ab.

In meiner Branche ist es so, dass ich, als Regisseurin, meine Gage selbst verhandele. Einerseits gut, weil es in meiner Hand liegt, andererseits ist die Verhandlung ja immer die Summe von Behauptung und Bluff, Selbstbewusstsein und Selbstüberschätzung, Marktwert als Künstler*in, Gender Gap, Status Gap und vom Etat des Theaters abhängig. Ein Glück, dass das der Gender Pay Gap mittlerweile eine öffentliche Debatte ist. Ich hatte früher in meinen Verträgen eine Verschwiegenheitsklausel und so war es lange unmöglich, das eigene Honorar in einen Kontext zu setzen.

Interessanterweise habe ich in Norwegen ein anderes System der Bezahlung kennengelernt. Dort gibt es eine Tabelle, die das Honorar für die Inszenierung nach den getätigten Arbeiten festlegt, unabhängig von Geschlecht und Alter, und es gibt auch ein Deckelung als Mindest- oder Höchstgage. Dort ist das Honorar also unabhängig vom Markt- und Markenwert.

Als selbstständige Regisseurin ist eine Gage nicht nur das Honorar für die Zeit, in der die Proben laufen, sondern schon im Vorfeld beginnt die Vorbereitung mit Stücksuche, Fassung erstellen, den Prozess des Bühnen- und Kostümbildes begleiten, Gespräche für die Besetzung führen, Bauprobe und Nachbereitung. Daher ist die Höhe einer Gage immer auf mehrere Monate anzurechnen und die Sorgfalt, in der dies geschieht, ist ein Ausdruck der Zuversicht etwas Großartiges und Tolles auf die Beine zu stellen.
Die Verhandlung läuft unabhängig von der Zusage. Also erst sage ich eine Arbeit zu und dann kommt die Verhandlung mit meist einem anderen Menschen als der Intendanz. Darin liegt die erste Scharnierschraube, denn bei Konflikten wird es schnell intransparent und oft treten emotionale Verstrickungen auf: War das Anwerbungsgespräch ein Gespräch auf Augenhöhe, offenbart sich im Gespräch über das Geld/Honorar die Einschätzung des Geldgebers und bei Konflikten wird dann gern Bad versus Good Cop gespielt. Oft fällt dann die Standard-Ansage: „Uuuh, da muss ich nochmal Rücksprache mit der Intendanz halten.“ und dann wird der Zeitjoker gespielt, während die Arbeit am Stück schon beginnt.

Die zweite Scharnierschraube ist die Individualisierung. Das Honorar setzt sich nicht transparent zusammen, es wird individualisiert. Du bist eine Frau, dann gibt das schon mal Abzug. Du hast schon Auszeichnungen gewonnen, bist vom Feuilleton geachtet und kommst darin vor, dann gibt’s mehr. Du bist gefragt und es gibt einen Hype um dich, dann gibt’s mehr. Du bist schon Theatertreffen-geadelt, vielleicht schon mehrfach, dann bist du im Olymp angekommen und es gibt mehr. Aber die Auszeichnungen und Einladungen werden von Jurys vergeben, in denen hauptsächlich Kulturjournalist*innen sind und da war doch einer mal so nett und sagte zu mir: „Ich entscheide, wen ich hoch schreibe und wen ich fallen lasse.“ Oder ein anderer: „Warum laden Sie mich nicht ein? Warum buchen Sie mir kein Hotelzimmer und frühstücken mit mir?“

Mein Marktwert ist abhängig von Menschen, die die Macht ihres Metiers missbrauchen. So lange es dort, wo das Geld ist und fließt, keine Transparenz gibt, kein Umdenken stattfindet, wird es keine Gleichberechtigung geben.

BURN, GENIE, BURN!


Bildung Genie Reproduktion


Goethe, Schiller, Lessing, Heine, Hoffmannsthal, Storm, Eichendorff, Büchner, Kleist, Brecht, Mann, Grass. Alle tot. Alle noch Teil der Bildung. 

In meinem Elternhaus und in meinem Großelternhaus standen Erst- und Gesamtausgaben wie Insignien: Einerseits stolze Sammlungen von Werken, andererseits aber auch verstaubte, vergilbte, den unsichtbaren Tierchen und dem Verfall ausgesetzte Sammlungen.
Ich hab zwei Häuser in den letzten Jahren leergeräumt: über 100 volle Buchkisten. Interessanterweise hat sie nur ein Antiquar umsonst genommen. Bücher? Bücher will keine*r mehr haben. Ich bin mit dem Schrecken und der Schuld der Bücherverbrennung aufgewachsen. Bücher sind wertvoll. Sie müssen bewahrt, konserviert, aufgehoben und beschützt werden. Ja, stimmt. Und/aber wo sind die Bücher von Frauen und marginalisierten Menschen, die nicht verlegt, die nicht wieder neu aufgelegt wurden, die nicht geschrieben werden konnten?

DAS WAS FEHLT heißt das Buch von Tillie Olsen, die sich damit auseinandersetzt, welche Bedingungen es zum Schreiben braucht.

Wenn es zur immer gleichen Reproduktion und Repräsentation von Biografien, Namen und Werken kommt, verschwinden Namen, Biografien, Werke von Menschen, die auch da und gewirkt haben. Sie werden nicht verbrannt, sie werden unsichtbar und dann scheint es so, als gäbe es sich nicht oder als wären sie nicht existent. Die Repräsentation und Reproduktion von den immer gleichen Biografien und angeblichen Genies führt zu einer Vereinfachung von Weltsicht und Diskriminierung. Die die eh schon überall verlegt sind, Ausstellungen, Preise, Auszeichnungen haben, sind eh schon sichtbar. Sie werden nicht plötzlich unsichtbar, wenn andere sichtbar werden.

Karsch, La Roche, Wollstonecraft, Schopenhauer, Pichler, Austen, Varnhagen, Imhoff, Günderode, Arnim, Droste-Hülshoff, Sand, Brontë, Chopin, Lagerlöf, Kurz, Woolf, Escher, Huch, Lasker-Schüler, Seidel, Baum, Sachs, Seghers, de Beauvoir, Fleißer, Kaschnitz, Keun, Kaléko, Brückner, Lessing, Highsmith, Plath, Bachmann, Wolf, Morgner und das ist eine unvollständige Auswahl.

MATHE UND SYSTEME SPRENGEN


Die Forschung hat rausgefunden, dass ein gutes Körpergefühl, also das Benennen der eigenen Körperteile, Erfahrungen mit dem eigenen Körper und anderen Körpern, sowie die Wahrnehmung im und von Raum, die Grundlage für mathematische Lernprozesse sind. Also Rangeln, Raufen, Toben, Klettern, Fallen, Abrollen, Balancieren, Lego, Kappla und Baupläne bauen. Für alle Lernprozesse sind Zuversicht, Zutrauen, Zuwendung und Ermutigung von außen wichtig.

Ich mochte und mag Mathe. Frau Wolf hieß meine erste Mathelehrerin, sehr streng, sehr autoritär, Zuversicht und Zuwendung gab’s bei ihr nicht, aber Zutrauen. Sie hat uns geschlechtsunabhängig gefördert und gefordert, darin war sie gerecht, unerbittlich, streng. Sie war ein Vorbild und so bin ich nicht auf die Idee gekommen, dass ich nicht Mathe lernen kann. Die Lehrerin auf der weiterführenden Schule war ähnlich, wütend und hat uns, wenn wir nicht aufmerksam und konzentriert waren, mit ihrem Schlüssel beworfen. Mein Sohn würde jetzt laut rufen: „Das ist doch schwarze Pädagogik!“
Ja, stimmt. Mathematisches Lernen war ein Kraftakt: nicht aufgeben, durchbeißen, verzweifeln, sich dumm fühlen und nichts kapieren, verzweifeln. Ich konnte im Kopf fühlen, wie ich immer wieder an die Wände geprallt bin, wie ein Duracell-Hase in einem runden Raum…
UND ABER weswegen ich mathematische Lernprozesse liebe: Ich habe durch sie systemisches Denken und das Sprengen von Systemen gelernt. Es gibt doch so Filmszenen, in denen riesige Glaswände springen, riesige Aquarien zerbersten, Wände zerschmettern und das Dahinter sichtbar wird. Dieses Gefühl von Energie, von Denksystem sprengen, erkennen, sehen, was dahinter ist und Klarheit gewinnen, das habe ich gefühlt und gelernt, wenn ich an meine Denksystem-Grenzen in Mathe gestoßen bin, es dann geschafft habe diese zu überwinden und die Aufgabe zu lösen. Wenn ich vor einer mathematischen Aufgabe in einer Klausur saß, die mir unlösbar schien, hat mir geholfen zu wissen und zu erinnern, dass diese Aufgabe schon gelöst wurde und dass es eine Lösung gibt.

AUSSTEIGEN UND AUSZEIT


Ich hatte so einige Jobs: Zeitungsausträgerin, Imbissbudenfrau, Thekenkraft in der Disko, Assistentin, Souffleuse, Requisteuse, Altenpflegerin, Erzieherin, Lehrerin, Regisseurin. Der einzige Job, aus dem ich nicht aussteige, obwohl ich mir immer wieder Urlaub nehme, ist die Elternschaft. In allen anderen bin ich zeitweise ganz oder für immer ausgestiegen. Als ich 2014 beschlossen habe, dass ich mit dem Theater aufhören will, hatte ich schon mehrere Jahre des Zweifelns hinter mir und noch zwei Jahre in dem Job vor mir. Diese Zwischenzeit war von vielen Amplituden durchzogen: Zweifeln am Aussteigen und Angst vor dem Neuanfang. Angst vor einer Fehlentscheidung. Angst etwas loszulassen, dass so vertraut und identitätsstiftend ist. Freude auf das Loslassen und auf das Neue. Freude vor dem Ungewissen und Freude auf das Lernen. Als ich 2016 mit der Ausbildung anfing, fühlte sich das Ausgestiegen sein leicht und aufregend an. Wie Neubeginne sich so anfühlen. Euphorisch, wie der Kipppunkt, bevor die Achterbahn nach unten saust. Adrenalin, Kribbeln, Ohrensausen, doppelter Espresso im Herzen.
Was ich losgelassen hatte, was ich vermissen würde, was verloren war, was ich nicht brauchte, was ich nicht vermisste, das stellte sich erst im Laufe der Zeit heraus.

Ich habe viele Kompetenzen mit in den neuen Beruf nehmen und von meinen Erfahrungen profitieren können, wie beim Reisen, der Erfahrungsschatz kommt mit. Das Leben geht weiter, eben nur woanders. Es war wohltuend und entlastend mich neu erfinden zu können, keinem Bild entsprechen zu müssen und ein neues Profil zu prägen. Nun, da ich in den Regieberuf wieder eingestiegen bin, frage ich mich, warum ich mir nicht eine 6jährige Auszeit mit Reisen und ohne den Stress einer Ausbildung genommen habe? 

Und dann erscheint die Summe der gemachten Erfahrungen, die ich in dieser Zeit sammeln durfte: ich habe viele interessante Menschen kennengelernt, ich habe Themen, wie Intersektionalität, Diversität und Fragen: „Wie wird der Mensch zum Mensch? Wie geht Lernen?“ vertieft und hatte Zeit zum Lesen, Lesen, Lesen.

Und in mir hat sich die Erfahrung abgelegt, dass ich das kann: aus- und einsteigen, loslassen, neu anfangen, ganz zu bleiben, auch woanders.