KISS
Ich hab in meinem Leben schon sehr viel Glück gehabt. Unter anderem fing das damit an, dass ich von unseren Eltern anti-autoritär und bedürfnisorientiert
erzogen worden bin. Ich bin Jahrgang 1976 und komme aus einer hessischen Kleinstadt. Mein Vater war Rechtsanwalt und queer, meine Mutter Theaterkritikerin und politisch aktiv. Meine Eltern haben
in einer Agitpop-Theater-Gruppe gespielt und prägende Ereignisse meiner Frühsozialisation waren Open-Air-Konzerte, Ostermärsche, die Großdemo bei Brokdorf, das Hüttendorf gegen den Bau der Startbahnwest
und bei vielen Parteitagen und Proben unter Tischen zu sitzen oder am 08. März Nelken auf dem Marktplatz zu verteilen. Ich weiß, wie es sich anfühlt in einer Kleinstadt aus einem unangepassten, exotisch-wahrgenommen Haushalt zu kommen und wie es sich anfühlt gegen die kleinbürgerliche Norm zu leben. Ich weiß, wie sich Solidarität, politscher Zusammenhalt und Empowerment anfühlen, denn in den 80iger Jahren waren Solidaritätsvisionen noch eine ungebrochene Kraft.
Ich habe 20 Jahre in einem System gearbeitet, das zutiefst patriarchal und hierarchisch organisiert ist: Im Theatersystem.
Am 12.05.2010 wurde im Haus der Berliner Festspiele die Ausstellung REGIE-FRAUEN: EIN MÄNNERBERUF IN FRAUENHAND eröffnet und ich durfte Teil dieser Ausstellung sein. Das
Interview, das die Theaterwissenschaftlerin Christina Haberlik mit mir führte, ist ein wichtiges Zeitdokument für mich, weil es genau an der biografischen Schnittstelle stattfand, an der sich mein Blick auf das
System schärfen sollte: Denn vor 2009 Jahren war ich jung, erfolgreich, hatte keinerlei Schwierigkeiten im Beruf zu arbeiten und ich war hochschwanger.
Zwei Fragen, die Christina Haberlik mir stellte, sind mir in Erinnerung geblieben:
Was wird sich an Deiner Haltung und Arbeitssituation als Regisseurin durch die Mutterschaft verändern?
Zu gern würde ich meinen Blick und meine Reaktion meines jüngeren Ichs nochmal sehen. Ich meine mich zu erinnern, dass ich mit Erstaunen, leicht irritiert und vollkommen selbstsicher
geantwortet habe: „Meine Mutterschaft und meine Haltung zu dem Beruf werden sich nicht ändern. Statt der 5 Premieren in der Spielzeit mache ich dann eben nur noch 3.“
Die andere Frage lautete:
Inwiefern siehst Du Deinen Werdegang in der Kontinuität der Frauen oder Regisseurinnen, die diesen Beruf vor dir ausgeführt und dir durch ihre Tätigkeit den Weg geebnet haben?
Frauen, die mir den Weg geebnet haben? Ausatmer, Lippen blähen, Stirnrunzeln… Frauen, die mir den Weg geebnet haben… Nachdenken, Augen aufreissen Mir fielen keine ein. Intendantinnen? Die waren damals selten und ich hatte mit keiner zusammengearbeitet. Und Regiekolleginnen? Kolleginnen… Puh… Wir waren wenige Regisseurinnen im Beruf und vor allem waren wir keine Kolleginnen.
An dieser Stelle möchte ich Euch einen Textauszug aus MUSTERBRUCH von Patricia Cammarata zum Schlumpfine-Prinzip zitieren: „(Das Schlumpfine-Prinzip) umschreibt, dass es in Film und Fernsehen zahlreiche Protagonisten-Gruppen gibt, die, bis auf eine einzige Ausnahme, aus Männern bestehen. Diese Ausnahme
bei den Schlümpfen ist Schlumpfine. Andere Beispiele waren in der Vergangenheit: Prinzessin Leia in Star Wars, Gabi in TKKG oder Dana Barrett bei den Ghost Busters. Es darf also Frauen geben, aber eben nur eine. (…) Daraus lässt sich ableiten: Wenn nur Platz für eine Frau ist, dann sind Frauen sich natürlich Konkurrenz. (…) Frauen sind Meisterinnen darin, die Schwachstellen anderer Frauen zu finden. Egal, was diese tatsächlich leisten. (…)“
In diesem Sinn war ich mir damals sicher, dass ich alles mir selbst zu verdanken habe. Teilen, verbinden, vernetzen, supporten oder die Reflektion über das System, die eigene Rolle darin
oder meine eigene internalisierte Misogynie war mir fremd. Heute blicke ich kritisch auf mein Jüngeres ICH. Mir ist bewusst, dass ich als Token gebraucht wurde (wir brauchen noch eine junge Frau im Spielplan, wen gibt’s
denn da?) und ich kann mein Verhalten als Patriachatskomplizin einordnen.
Ich greife nochmal zu Patricia Cammaratas MUSTERBRUCH:
„Das Kleinhalten von Frauen geht interessanterweise nicht nur von Männern aus, sondern es gibt auch zahlreiche Frauen, die andere Frauen im Zaum halten, sodass es nach Möglichkeit zu keiner Umverteilung der Herrschaftsverhältnisse kommt. Diese Frauen kann man Patriachatskomplizinnen oder Patriarchatshüterinnen
nennen. (…) Patriachatskomplizinnen bekommen ein kleines Stück vom Kuchen ab. Sie dürfen sich über andere Frauen erheben - aber natürlich nicht über Männer. Ein kleines bisschen Anerkennung
zu bekommen und auch mal etwas sagen oder bestimmen zu können, das motiviert natürlich. Überspitzt formuliert ist es eine Art Überlebensstrategie im Patriarchat sich bei den Männern anzubiedern. Es
greifen also ähnliche Prinzipien wie beim Mobbing. Dort gibt es nicht nur Täter*innen und Opfer, sondern unter anderem auch die Assistent*innen und Claqueur*innen. Erstere unterstützen Täter*innen aktiv,
Claqueur*innen beteiligen sich nicht aktiv, billigen das Verhalten der Täter*innen aber oder verstärken es sogar durch Lachen und applaudieren. Ohne Assistent*innen und Claqueur*innen haben es Täter*innen tatsächlich
sehr viel schwerer ihre Mobbing Attacken auszuführen. (…)“
Dank #Metoo, meinem Ausstieg aus dem Theatersystem, meiner pädagogischen Ausbildung und nach dem Lesen vieler Büchern von sehr klugen Frauen ist meine Sicht heute eine andere. Ich weiß, dass ich erst durch meine Mutterschaft erlebt habe, wie unvereinbar der Beruf mit dem Leben einer Familie ist. Ich weiß, dass ich durch mein Weiss-Sein privilegiert bin und Menschen mit Mehrfach-Diskriminierung im Theatersystem unterrepräsentiert sind und es auch meine Aufgabe ist, diese Menschen sichtbar zu machen.
Ich weiß, dass sich viele Künstlerinnen auch heute noch die Frage „Art or Babys“ stellen. Als Künstlerin, finde ich, es muss „Art and Babys“ heißen. Es braucht Mütter in der Kunst, damit diese Perspektive und dieser Blick auf die Welt abgebildet wird. Ich weiß, dass ich ganz viel nicht weiß und lerne dazu, daher möchte ich Einblicke in die Fortbildung FEMINIST LEADERSHIP geben, die ich im letzten Jahr besucht
habe:
FEMINIST LEADERSHIP ist nicht gleichzusetzen mit Female Leadership. Female Leadership ersetzt die männliche Führungsposition durch eine weiblich-gelesene Führungsperson, ohne
die Machthierarchien in Frage zu stellen.
Was ist das gängige Narrativ von Macht, das wir internalisiert haben?
Es beschreibt einen Leader als HERO, meist männlich,
ein Decision-Maker, der/die alle Macht in sich vereint,
die Verkörperung von Charakter und Integrität.
Ein Provider von Visionen, Strategien und Missionen,
der/die andere zu Höchstleistungen motiviert und
alle Macht und Entscheidungen in sich bündelt.
Patriarchale Systeme sind exkludierend, sie bauen Herrschaftsverhältnisse von Klasse und Geschlecht auf. Es ist ein Pyramiden-Denken, an dessen Spitze der weiße Mann steht, gern heterosexuell, verheiratet und christlich, mindestens aus der Mittelschicht und ohne Behinderung.
FEMINIST LEADERSHIP ist dagegen eine Verteilung von Macht auf einer horizontalen Ebene: partizipativ, inklusiv, empowernd und gekennzeichnet von einem Wertekanon,
einer Praxis und Verhaltensweisen, die gemeinschaftlich, wertschätzend und respektvoll anderen gegenüber und gegenüber Wachstum, Ressourcen und Entwicklung sind. Die Grundlage ist das Wissen darüber, dass
sich Machtausübung in drei Dimensionen zeigt: sichtbar, versteckt, unsichtbar. Was meint sichtbar, versteckt und unsichtbar?
Sichtbare Macht zeigt sich darin, wer an der Entscheidungsfindung teilnimmt und wer davon ausgeschlossen ist.
Versteckte Macht wird auch Agenda-Setting-Macht genannt. Also wer beeinflusst die Agenda hinter den Kulissen und wessen Stimme wird gehört und wer wird zu einem bestimmten Thema konsultiert.
Unsichtbare Macht – oder indirekte Macht – meint die Einflüsse auf das Mindset von Menschen, die sozialen Einstellungen, die Vorurteile, die Menschen formen, ohne dabei offensichtlich
eine Rolle zu spielen. Die Medien- und Marketing-/Werbebranche sind klassische Anbieter dieser unsichtbaren Macht. Zum Beispiel üben die Medien unsichtbare Macht aus, indem sie ständig Entscheidungen darüber
treffen, welche Themen hervorgehoben und welche ignoriert werden sollen, und indem sie Bilder konstruieren und Bedeutungen nachhaltig prägen.
FEMINIST LEADERSHIP verfolgt zwei Ziele, um einen Wechsel der gängigen Machstrukturen zu praktizieren
1. Die sichtbare, versteckte und unsichtbare Macht kritisch zu hinterfragen
2. Alternative Machtmodelle zu konstruieren, die die sichtbare Form so weit, wie möglich, verstärken und unsichtbare und verborgene Macht schrittweise eliminieren.
Verbunden mit all diesem Wissen, wie stelle ich mir das Theater der Zukunft denn vor? Partizipativ, inklusiv, bildend, nachhaltig, lösungsorientiert, empowernd und divers. Das klingt schön. ABER: Wie werden aus Absichtserklärungen, die wir inzwischen überall lesen, Handlungen ganz im Sinne des Satzes: „Practice what you preach“?
Generell gilt: Wer Transformationsprozesse ermöglicht, hat drei Stellschrauben: Das Geld- und Zeitmanagement und darüber hinaus die Transparenz von beidem.
Das Theater der Zukunft wird sich aus der Umsetzung von Veränderungen in der Gegenwart ergeben. Ich skizziere ganz kurz ein paar Ideen, die nicht neu sind, wie wir alle wissen, haben wir
keinen Wissensnotstand, sondern Handlungsbedarf:
· Die Leitung wird durch eine öffentliche Ausschreibung in einem transparenten Prozess gefunden.
· Diese Leitung besteht aus Menschen, die die Perspektiven von mehrfach diskriminierten Menschen vertreten
und sich für diese einsetzen. Sie ist inkludierend.
· Es gibt eine vollkommene Gagen- und Honorartransparenz, die eine Deckelung nach unten und nach oben einschließt.
· Die speziellen Bedingungen von Care-Arbeit werden mitgedacht und umgesetzt (wie z. B. Care-Boni, Auszeiten, Planbarkeit der Arbeitszeit
und Bewusstsein über Mikroaggressionen)
· Es gibt eine regelmäßige Supervision, sowie die Pflicht Fortbildungen zu besuchen.
· Der Zeitraum einer Intendanz ist begrenzt auf beispielsweise 12 Jahre, damit andere Menschen auch eine Chance bekommen.
· Es gibt eine partizipierte Spielplangestaltung: Das Denken in Sparten kann sich am Intersektionalen Feminismus und am Bewusstsein
orientieren, dass unsere Lebensrealitäten vielfältig sind. Schon werden neue Sparten entstehen, diese müssen dann partizipativ gedacht und umgesetzt werden. Natürlich ist das Denken in Sparten
fließend und nur eine Orientierung.
Ich beende hier meine Ideenskizze, denn einmal mit den Transformationsprozessen angefangen, entstehen sofort neue Handlungsaufforderungen.
Was kann jede*r einzelne heute schon tun? Seit ich wieder eingestiegen bin in das Theatersystem, agiere ich nach ein paar Merksätzen, die ich gern mit Euch teilen möchte. Und ich
mache das mit einer Strategie aus dem Selbstverteidigungstraining, die nennt sich KISS – KEEP IT SIMPLE, STUPID. Daher für alle, die als Graswurzelbewegung heute und morgen schon Change-Maker*innen
sind, gibt es jetzt „keep it simple, stupid“ – Empowerment to go!
Wo ein ICH ist, ist ein Wir – das Private ist politisch!
Es ist ein Trick von Systemen, die Menschen unterdrücken und einzelne privilegieren, bestimmte Menschen zu isolieren. Durch die Isolation wertet das Individuum strukturelle Ungleichbehandlung
als individuelles Versagen oder Schuld. ABER merke: Wo ein ICH ist, ist auch ein WIR.
Rede über Geld! Gender Pay Gap, Life Earning Gap! Es wird immernoch viel zu wenig über Honorare oder Etats geredet.
Aber wo zeigt sich am deutlichsten die Ungleichbehandlung? Daher redet über Geld. Und wenn Ihr viel habt, dann verteilt um!
Check your privilege! Reflektiert Eure Privilegien, fragt, wo und wie andere supportet und sichtbar gemacht werden können.
Es ist die Aufgabe privilegierter Menschen für das Unrecht weniger privilegierter Menschen auf- und einzustehen.
Rede über Macht! Versuche die Dimensionen von Macht transparent zu machen. Redet über das Wissen, das nicht sichtbar, unsichtbar und versteckt
ist.
Supportet Euch! Schätzt die Zeit, die Arbeit, die Liebe wert, die andere in eine Produktion stecken oder gesteckt haben. Ändert den Blick:
statt Defizite zu benennen, verbalisiert das Positive. Das wirkt sich auch positiv aufs Mindset aus.
Schaff den Geniekult ab! Es gibt keine Genies. Alles, was Menschen erschaffen, ist Synergieeffekten zu verdanken. Erst die Verbindung und Vernetzung von Gedanken, Gefühlen und Erfahrung von vielen Menschen schafft neues.
Einzelne hervorzuheben, ist Komplexitätsreduktion und male gaze.
Check Deine internalisierte Misogynie! Gegenüber Dir selbst und anderen gegenüber. Sei keine Patriachatskomliz*in und auch keine Claqueur*in.
Reproduziert nichts, was Ihr ablehnt! Don’t do Kanon, wenn es etwas darin gibt, was Ihr ablehnt. Reproduziert keine sexualisierte Gewalt und Rollenmuster. Seid Euch bewusst, dass Ihr sonst dazu beitragt, dass sexualisierte Gewalt normalisiert
wird und Rollenmuster bewahrheitet.
Empowert andere! Es gibt nichts, was Kreativität mehr beflügelt als Empowerment!
Überrascht Euch! Gegenseitig, aber auch Euch selbst. Strukturen, Architektur, Infrastruktur, Glaubenssätze sind
veränderbar. Geht unbekannte Wege, neue Konstellationen und bleibt im „try and error“- Modus und lernende!
Verbindet Euch! Es fängt damit an, einander vorzustellen, „Hallo“ zu sagen, in Kontakt und in Verbindung zu gehen und zu bleiben. Sucht die Menschen, mit denen Ihr Synergie-Effekte eingehen könnt.
Vernetzt Euch! Tretet Netzwerken bei, weil nicht jede*r muss das Rad neu erfinden!
Solidarisiert Euch! Macht Missstände sichtbar. Postet sie, erzählt sie weiter, und wenn Sprache gerade nicht geht
oder ausreicht, dann stellt Euch als Körper in einem Konflikt dazu. Werdet sichtbar und macht andere sichtbar.
TOGETHER
Es macht mir gerade keinen Spaß mehr, darüber nachzudenken, wogegen ich bin, was schiefläuft und Zustände anzuprangern. Ich fühle den Spruch »I
can’t believe, I’m still protesting this shit« in jeder Synapse. Im Laufe meiner Regietätigkeit konnte ich viele Erfahrungen mit patriarchalen Machthierarchien sammeln und immer wieder ploppte dann die Frage auf, wie
ein Gegenentwurf aussehen kann?
Ich habe in der letzten Arbeit das Wort CHEESY neu kennengelernt. Genau kann ich noch nicht fassen, was es bedeutet - verstanden hab ich, dass es
etwas umschreibt wie die Konsistenz von zerlaufenem Käse. Also, Leute, immer wenn’s mir zu cheesy wird, schreib ich Euch meine Gedankenfetzen kursiv auf, damit bleibt’s CHEESY,
ist aber vielleicht unterhaltsamer.
Der Gegenentwurf … In meiner Arbeit habe ich für mich Antworten gefunden, viel davon besteht aus intuitivem Handeln, das auf gemachten und reflektierten
Erfahrungen beruht, daher fange ich mal biografisch an.
Ich bin 2016 aus dem Theatersystem ausgestiegen, habe eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht und drei Jahre in einer Waldkita gearbeitet. Ich wollte herausfinden, wie
das geht, Kinder ins Leben zu begleiten und sie dabei zu unterstützen, kommunikative, emotionale und soziale Kompetenzen zu erlangen. Das war eine sehr schöne Zeit mit viel interessantem Input, Begegnungen und Perspektivwechseln.
2022 bin ich mit neuem Wissen, neuen Erfahrungen und vielen Fragen wieder in das Theatersystem eingestiegen: Was
hat sich nach #Metoo strukturell im Theatersystem verändert? Wo sind die Theater, die Transformationsprozesse (wie z. B. den Gender-Pay-Gap abzuschaffen oder für Diversität im Ensemble oder für Gleichberechtigung
in der Präsenz der Geschlechter zu sorgen) bewusst angestoßen haben? Ich bin jedoch auch mit Vorhaben in Bezug auf meine eigene Arbeitsweise zurückgekommen und die klingen so schön wie: „Don’t
work with assholes“, „Don’t do kanon“, „Schaff‘ so viele Gaps, wie möglich ab“, „Sorge für die Präsenz von anderen Perspektiven“, „Teile Deine Privilegien“
und „Arbeite mit Deiner eigenen Vulnerabilität und in Verbundenheit“.
Dieser Text würde zu lang und auch zu langatmig werden, ich würde mich mit mir selbst langweilen, wenn ich meine Vorhaben in Bezug auf ihre Erfüllung
in den letzten drei Jahren hier reflektieren würde. Daher, Tadaa, kommt Ihr nun in den Genuss, dass ich für die Beschreibung des Gegenentwurfs auf „Arbeite mit Deiner eigenen Vulnerabilität und in Verbundenheit“ eingehe.
Was machen wir eigentlich die ganze Zeit (6–8 Wochen) in den Proben auf der Probebühne/Bühne? Wie entsteht Spiel miteinander (Spiel mit dem Text, den Kolleg*innen,
dem Bühnenbild, dem Kostüm, der Musik, dem Video und der Regie)? Wie entsteht ein Raum, der Kreativität möglich macht?
Für mich sind Probenprozesse im Idealfall Synergieeffekte aller Beteiligen. Es entsteht ein gemeinsamer Flow. Unvorhersehbar. Vorher unvorstellbar. Ein Netz aus
Kreativität, Energie und Fantasie. Irgendwie magisch.
Na toll. Magisch. Geht’s noch? Das ist jetzt wirklich cheesy. Und apropos Magie: Wie war das, „ein Magier verrät nie seine Tricks“? Und was
ist eigentlich die weibliche Form von Magier?
Ich kann für mich sagen, dass ich über Verbindung und Verbundenheit arbeite. Schon wieder zwei so schwammige Begriffe. Ich kann das nur so. Meine Kreativität fließt am besten, wenn ich mich freue, Spaß habe, lache und ich Gefühle wie Zuversicht und Vertrauen fühle. Also keine Konflikte, alles schön soft und voller Harmonie? - Nee, das meine ich nicht, Konflikte gehören dazu. Die sind dazu da, um gelöst und angesehen zu werden. Nee, ich meine so ein Gefühl von Verbundenheit, so kribbelig,
angenehm, voller Zuversicht, so tüfteln und was Neues erfinden, miteinander. Ich krieg’s nicht formuliert. Ich weiß, dass andere Menschen anders arbeiten, manche brauchen Druck und Stress, um kreativ zu sein. Ich habe im Laufe der Jahre Menschen kennengelernt, die
sehr gut über Widerstand, Misstrauen und Destruktion arbeiten können. Ich kann das nicht. Bei Druck, unter Stress und gepusht, da passiert bei mir folgendes: Alles blockiert, mein Hirn friert ein, ein riesiges Denkvakuum
mit unendlicher Echofunktion entsteht, meine Gefühle verstecken sich, meine Mimik rennt ins Chaos, und ich versuche mich dann meistens als Exitstrategie weg- und rauszulächeln.
Einmal war ich auf einem Konzert von Kae Tempest und durfte dort spüren, wie Kae Tempest Verbundensein mit und im Publikum erzeugt. Das war wirklich irre. Wie ein Glitzerstaub aus Funken, der sich im ganzen Zuschauer*innenraum verteilt. Kae Tempest hat über Verbundensein (Connection) ein Buch geschrieben und ich zitiere: „Kreativität ist die Fähigkeit zu staunen und
der Wunsch, auf das zu reagieren, was uns verblüfft. Oder einfacher gesagt, jede von Liebe getragene Handlung ist kreativ. Jede Form des Machens. Meistens ist Kunst damit gemeint, aber tatsächlich lässt sich
der Begriff auf alles beziehen, was Aufmerksamkeit, Geschick und Erfindungsgabe verlangt. (…) Verbundensein ist das Gefühl, in der Gegenwart zu landen. (…) Kreatives Verbundensein ist der Einsatz von Kreativität,
um Verbundensein zu erreichen und sich mit denjenigen, die den Moment mit einem teilen, in einem Raum größerer Verbundenheit zu begeben.“1
Für mich sind Probenprozesse sehr aufregende Vorgänge. Auch nach und mit 25 Jahren Erfahrung bin ich immer noch sehr aufgeregt bei der Lese- und Konzeptionsprobe. Es fühlt sich an, wie ein Wirbelsturm aus Vorfreude, Freude, Wiedersehen nach langer Zeit, Euphorie und Geburtstagsparty.
Mein Hirn kann gar nicht so schnell sortieren, was da an Gespräch, Gefühl und Bedürfnis aufeinandertrifft. Um diese Erfahrung der ersten Begegnung mit
dem Ensemble zu reflektieren und in den Probenprozess fließen zu lassen, versuche ich meine Wahrnehmung zu öffnen und offenzuhalten. Okay, das ist schon wieder alles so schwammig. Wie geht das konkret? – Ja, genau, apropos schwammig. Es ist ein bisschen, wie ich mir vorstelle, wie ein Schwamm sich fühlt. - Schwämme fühlen nichts. - Ja, okay, schon klar. Die im Waschbecken nicht, die im Meer aber schon. Egal.
Ich versuche meine eigenen Grenzen, Wahrnehmungen zu fühlen, gleichzeitig die der anderen Menschen wahrzunehmen, aufmerksam zu sein und einen Resonanzraum zu bilden. Es bleibt schwammig.
Meine quirlige Aufregung legt sich in den ersten Probenwochen, was bleibt, wenn es mit der Verbundenheit mit den Menschen im Proberaum klappt, ist eine große
Freude. Freude darüber, mit diesen Menschen Kreativität auszutauschen, durch die Klugheit des Teams und des Ensembles so beschenkt, von dem, was entsteht, so überrascht und vom Spiel so berührt zu werden.
Kommen wir zum Begriff Vulnerabilität. Um in Verbindung zu gehen und sein zu können, gehört für mich dazu, dass ich mit mir
und meiner eigenen Verletzlichkeit (Vulnerabilität) verbunden bin. Das ist doch jetzt noch so ein Emo-Begriff, der in unserer Leistungsgesellschaft voll unangenehm ist und nach Periodenslip
und Soulfood klingt. Das will doch keiner wissen. - Ja, ich weiß, ich beschreibe es trotzdem. Ich versuche auf der Probe und im Probenprozess mit meiner eigenen Verletzlichkeit oder Vulnerabilität
zu arbeiten. Ja, aber was heißt das denn jetzt konkret? Ich mache kenntlich, wenn mich etwas bewegt, stört, triggert, welche Ticks und Bedürfnisse
ich habe, und welche Bedingungen ich zum Arbeiten brauche. Eine Art Self-Care, die ich versuche zu kommunizieren, und ich bitte alle am Probenprozess Beteiligten, dies auch zu tun. Mit der eigenen Verletzlichkeit zu arbeiten
ist sehr entlastend und beflügelnd, weil es die Kommunikation klarer macht. Wenn ich morgens schon ärgerlich auf die Probe komme, weil ich schlecht geschlafen und in irgendeiner Warteschleife gehangen habe, mir die
Vorfahrt als Radfahrerin genommen wurde, oder ich mir Sorgen um meine Familie mache, hilft es, das zu sagen und damit dafür zu sorgen, dass ich mein »Grumpysein« nicht auf die Menschen und die Probe übertrage.
Oder ebenso, die Freude auf der Probe auszudrücken, dass wir miteinander arbeiten dürfen oder wir einen szenischen Entwurf gefunden haben. Eine Durchlässigkeit und Transparenz von emotionalem Erleben eben.
Ich habe herausgefunden, dass es Städte und Theaterhäuser gibt, in und an denen ich mich nicht wohlfühle und andere Städte und Häuser, an denen
ich eine Energie spüre, die mich empowert. Warum ist das wichtig für den Probenprozess, wie eine Stadt zu mir ist und ich mich in einer Stadt fühle? Weil es Einfluss auf meine Arbeit hat, wie ich lebe, welche Begegnungen ich habe, wenn ich nicht arbeite. Als Regisseurin gebe ich meinen familiären, selbst gewählten Alltag auf, um in einer anderen
Stadt zu arbeiten. Wenn ich mich in der Stadt nicht wohlfühle, dann will ich so schnell wie möglich weg, nach Hause, wo es immer schöner sein wird. Klar, aber auch ein Luxusproblem! Ich sag nur: Achtung Privilegien! Jammern auf hohem Niveau … ja, stimmt, aber erfahrungsgemäß gehen viele meiner Energien und Ressourcen so verloren ODER ABER ich bin beschwingt von der Stadt und gerne da. Dann komme ich auch beschwingt mit Freude auf die Probe.
Als Regisseurin habe ich Mitsprache, wer im Inner Circle mit im Proberaum sitzt, ich stehe aber wiederum unter dem Einfluss des erweiterten Zirkels der Menschen,
die an einem Haus arbeiten. Wenn ich neu an ein Haus komme, dann lerne ich das gewachsene Arbeitsklima kennen, den »Ton«, der an diesem Haus gepflegt wird. Und da gibt es große Unterschiede, welche Kultur
der Kommunikation und des Umgangs miteinander gelebt werden. Auch das bestimmt den Probenprozess und meine Möglichkeit in Verbindung zu treten. Das fängt damit an, wie sich begrüßt, in die Augen gesehen, einander vorgestellt und innerhalb kurzer Zeit sich verbunden wird. Es gibt ein Zutrauen
in die Begegnung und in die Kompetenzen des Gegenübers. Es macht richtig Spaß, Freude und Frohsinn hier zu arbeiten! Und Verbundensein entsteht scheinbar ganz leicht, ohne viel Zutun, und das ist wirklich magisch! So. Ich habe jetzt wirklich alles gegeben, um zu beschreiben, wie es geht. Es fühlt sich allerdings nach einem Fail an, aber nur deswegen, weil das Gefühl
der Verbundenheit so feinstofflich ist, dass die Beschreibung auf dem Papier, in Wort, in Schrift dem nicht nah kommt. Aber wer es kennt, weiß eh, was ich meine und wer es nicht kennt, darf sich darauf freuen, es zu
fühlen.
Die Schweizer Soziologin Franziska Schutzbach hat gerade ein Buch mit dem Titel Revolution der Verbundenheit geschrieben und vielleicht trifft sie es: „Denn wenn wir die Verbundenheit pflegen, entscheiden wir uns ein Stück weit für eine positive Haltung dem Leben und den Menschen gegenüber. Verbundenheit
zu leben bedeutet, dass wir daran glauben, dass andere gut sind und es gut mit uns meinen. Solange wir Beziehungen zu anderen leben und vertiefen, haben wir Hoffnung, dass es eine Welt geben kann, in der Menschen einander
wohlgesonnen sind und miteinander leben wollen.“2
1 Verbundensein, Kae Tempest, Suhrkamp Verlag Berlin 2021, S. 15.2 „Revolution der Verbundenheit – Wie weibliche Solidarität die Gesellschaft verändert“, Franziska Schutzbach, Droemer, München 2024, S. 283.