GELD


Geld und Wertigkeit und Kulturjournalismus und Ruhm und Preise und Marktwert und Geld


Geld ist ein Tauschobjekt. Jede*r hat das Recht eine Währung zu erfinden und wenn es Menschen gibt, die diese Währung anerkennen, dann kann damit auch gehandelt werden. Geld hat einen emotionalen Wert. Wer über Geld gestritten oder schon geerbt oder eine Scheidung hinter sich hat, weiß wovon ich rede. Geld ist immer kontextbezogen viel oder wenig wert. Geld drückt den Markt- oder Markenwert aus. 

Bei Künstler*innen ist Geld, also das Honorar, die Summe, die ein Kunstwerk wert ist mit der Wertigkeit des*r Künstlers*in verknüpft. Ein gemaltes Bild hat einen Materialwert, der Marktwert des Bildes hängt vom Kunstmarkt und von der Wichtigkeit der Künstlerin oder des Künstlers ab.

In meiner Branche ist es so, dass ich, als Regisseurin, meine Gage selbst verhandele. Einerseits gut, weil es in meiner Hand liegt, andererseits ist die Verhandlung ja immer die Summe von Behauptung und Bluff, Selbstbewusstsein und Selbstüberschätzung, Marktwert als Künstler*in, Gender Gap, Status Gap und vom Etat des Theaters abhängig. Ein Glück, dass das der Gender Pay Gap mittlerweile eine öffentliche Debatte ist. Ich hatte früher in meinen Verträgen eine Verschwiegenheitsklausel und so war es lange unmöglich, das eigene Honorar in einen Kontext zu setzen.

Interessanterweise habe ich in Norwegen ein anderes System der Bezahlung kennengelernt. Dort gibt es eine Tabelle, die das Honorar für die Inszenierung nach den getätigten Arbeiten festlegt, unabhängig von Geschlecht und Alter, und es gibt auch ein Deckelung als Mindest- oder Höchstgage. Dort ist das Honorar also unabhängig vom Markt- und Markenwert.

Als selbstständige Regisseurin ist eine Gage nicht nur das Honorar für die Zeit, in der die Proben laufen, sondern schon im Vorfeld beginnt die Vorbereitung mit Stücksuche, Fassung erstellen, den Prozess des Bühnen- und Kostümbildes begleiten, Gespräche für die Besetzung führen, Bauprobe und Nachbereitung. Daher ist die Höhe einer Gage immer auf mehrere Monate anzurechnen und die Sorgfalt, in der dies geschieht, ist ein Ausdruck der Zuversicht etwas Großartiges und Tolles auf die Beine zu stellen.
Die Verhandlung läuft unabhängig von der Zusage. Also erst sage ich eine Arbeit zu und dann kommt die Verhandlung mit meist einem anderen Menschen als der Intendanz. Darin liegt die erste Scharnierschraube, denn bei Konflikten wird es schnell intransparent und oft treten emotionale Verstrickungen auf: War das Anwerbungsgespräch ein Gespräch auf Augenhöhe, offenbart sich im Gespräch über das Geld/Honorar die Einschätzung des Geldgebers und bei Konflikten wird dann gern Bad versus Good Cop gespielt. Oft fällt dann die Standard-Ansage: „Uuuh, da muss ich nochmal Rücksprache mit der Intendanz halten.“ und dann wird der Zeitjoker gespielt, während die Arbeit am Stück schon beginnt.

Die zweite Scharnierschraube ist die Individualisierung. Das Honorar setzt sich nicht transparent zusammen, es wird individualisiert. Du bist eine Frau, dann gibt das schon mal Abzug. Du hast schon Auszeichnungen gewonnen, bist vom Feuilleton geachtet und kommst darin vor, dann gibt’s mehr. Du bist gefragt und es gibt einen Hype um dich, dann gibt’s mehr. Du bist schon Theatertreffen-geadelt, vielleicht schon mehrfach, dann bist du im Olymp angekommen und es gibt mehr. Aber die Auszeichnungen und Einladungen werden von Jurys vergeben, in denen hauptsächlich Kulturjournalist*innen sind und da war doch einer mal so nett und sagte zu mir: „Ich entscheide, wen ich hoch schreibe und wen ich fallen lasse.“ Oder ein anderer: „Warum laden Sie mich nicht ein? Warum buchen Sie mir kein Hotelzimmer und frühstücken mit mir?“

Mein Marktwert ist abhängig von Menschen, die die Macht ihres Metiers missbrauchen. So lange es dort, wo das Geld ist und fließt, keine Transparenz gibt, kein Umdenken stattfindet, wird es keine Gleichberechtigung geben.