Jorinde Dröse

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KISS


Ich hab in meinem Leben schon sehr viel Glück gehabt. Unter anderem fing das damit an, dass ich von unseren Eltern anti-autoritär und bedürfnisorientiert erzogen worden bin. Ich bin Jahrgang 1976 und komme aus einer hessischen Kleinstadt. Mein Vater war Rechtsanwalt und queer, meine Mutter Theaterkritikerin und politisch aktiv. Meine Eltern haben in einer Agitpop-Theater-Gruppe gespielt und prägende Ereignisse meiner Frühsozialisation waren Open-Air-Konzerte, Ostermärsche, die Großdemo bei Brokdorf, das Hüttendorf gegen den Bau der Startbahn West und bei vielen Parteitagen und Proben unter Tischen zu sitzen oder am 08. März Nelken auf dem Marktplatz zu verteilen. Ich weiß, wie es sich anfühlt in einer Kleinstadt aus einem unangepasst-exotisch-wahrgenommen Haushalt zu kommen und wie es sich anfühlt gegen die kleinbürgerliche Norm zu leben. Ich weiß, wie sich Solidarität, politscher Zusammenhalt und Empowerment anfühlen, denn in den 80iger Jahren waren Solidaritätsvisionen noch eine ungebrochene Kraft. 

Ich habe 20 Jahre in einem System gearbeitet, das zutiefst patriarchal und hierarchisch organisiert ist: Im Theatersystem. 

Am 12.05.2010 wurde im Haus der Berliner Festspiele die Ausstellung REGIE-FRAUEN: EIN MÄNNERBERUF IN FRAUENHAND eröffnet und ich durfte Teil dieser Ausstellung sein. Das Interview, das die Theaterwissenschaftlerin Christina Haberlik mit mir führte, ist ein wichtiges Zeitdokument für mich, weil es genau an der biografischen Schnittstelle stattfand, an der sich mein Blick auf das System schärfen sollte: Denn vor 2009 Jahren war ich jung, erfolgreich, hatte keinerlei Schwierigkeiten im Beruf zu arbeiten und ich war hochschwanger.
Zwei Fragen, die Christina Haberlik mir stellte, sind mir in Erinnerung geblieben: 

Was wird sich an Deiner Haltung und Arbeitssituation als Regisseurin durch die Mutterschaft verändern? Zu gern würde ich meinen Blick und meine Reaktion meines jüngeren Ichs nochmal sehen. Ich meine mich zu erinnern, dass ich mit Erstaunen, leicht irritiert und vollkommen selbstsicher geantwortet habe: „Meine Mutterschaft und meine Haltung zu dem Beruf werden sich nicht ändern. Statt der 5 Premieren in der Spielzeit mache ich dann eben nur noch 3.“

Die andere Frage lautete: Inwiefern siehst Du Deinen Werdegang in der Kontinuität der Frauen oder Regisseurinnen, die diesen Beruf vor dir ausgeführt und dir durch ihre Tätigkeit den Weg geebnet haben? Frauen, die mir den Weg geebnet haben? Ausatmer, Lippen blähen, Stirnrunzeln… Frauen, die mir den Weg geebnet haben… Nachdenken, Augen aufreissen Mir fielen keine ein. Intendantinnen? Die waren damals selten und ich hatte mit keiner zusammengearbeitet. Und Regiekolleginnen? Kolleginnen… Puh… Wir waren wenige Regisseurinnen im Beruf und vor allem waren wir keine Kolleginnen

An dieser Stelle möchte ich Euch einen Textauszug aus MUSTERBRUCH von Patricia Cammarata zum Schlumpfine-Prinzip zitieren: „(Das Schlumpfine-Prinzip) umschreibt, dass es in Film und Fernsehen zahlreiche Protagonisten-Gruppen gibt, die, bis auf eine einzige Ausnahme, aus Männern bestehen. Diese Ausnahme bei den Schlümpfen ist Schlumpfine. Andere Beispiele waren in der Vergangenheit: Prinzessin Leia in Star Wars, Gabi in TKKG oder Dana Barrett bei den Ghost Busters. Es darf also Frauen geben, aber eben nur eine. (…) Daraus lässt sich ableiten: Wenn nur Platz für eine Frau ist, dann sind Frauen sich natürlich Konkurrenz. (…) Frauen sind Meisterinnen darin, die Schwachstellen anderer Frauen zu finden. Egal, was diese tatsächlich leisten. (…)“

In diesem Sinn war ich mir damals sicher, dass ich alles mir selbst zu verdanken habe. Teilen, verbinden, vernetzen, supporten oder die Reflektion über das System, die eigene Rolle darin oder meine eigene internalisierte Misogynie war mir fremd. Heute blicke ich kritisch auf mein Jüngeres ICH. Mir ist bewusst, dass ich als Token gebraucht wurde (wir brauchen noch eine junge Frau im Spielplan, wen gibt’s denn da?) und ich kann mein Verhalten als Patriachatskomplizin einordnen. 

Ich greife nochmal zu Patricia Cammaratas MUSTERBRUCH:
„Das Kleinhalten von Frauen geht interessanterweise nicht nur von Männern aus, sondern es gibt auch zahlreiche Frauen, die andere Frauen im Zaum halten, sodass es nach Möglichkeit zu keiner Umverteilung der Herrschaftsverhältnisse kommt. Diese Frauen kann man Patriachatskomplizinnen oder Patriarchatshüterinnen nennen. (…) Patriachatskomplizinnen bekommen ein kleines Stück vom Kuchen ab. Sie dürfen sich über andere Frauen erheben - aber natürlich nicht über Männer. Ein kleines bisschen Anerkennung zu bekommen und auch mal etwas sagen oder bestimmen zu können, das motiviert natürlich. Überspitzt formuliert ist es eine Art Überlebensstrategie im Patriarchat sich bei den Männern anzubiedern. Es greifen also ähnliche Prinzipien wie beim Mobbing. Dort gibt es nicht nur Täter*innen und Opfer, sondern unter anderem auch die Assistent*innen und Claqueur*innen. Erstere unterstützen Täter*innen aktiv, Claqueur*innen beteiligen sich nicht aktiv, billigen das Verhalten der Täter*innen aber oder verstärken es sogar durch Lachen und applaudieren. Ohne Assistent*innen und Claqueur*innen haben es Täter*innen tatsächlich sehr viel schwerer ihre Mobbing Attacken auszuführen. (…)“

Dank #Metoo, meinem Ausstieg aus dem Theatersystem, meiner pädagogischen Ausbildung und nach dem Lesen vieler Büchern von sehr klugen Frauen ist meine Sicht heute eine andere. Ich weiß, dass ich erst durch meine Mutterschaft erlebt habe, wie unvereinbar der Beruf mit dem Leben einer Familie ist. Ich weiß, dass ich durch mein Weiss-Sein privilegiert bin und Menschen mit Mehrfach-Diskriminierung im Theatersystem unterrepräsentiert sind und es auch meine Aufgabe ist, diese Menschen sichtbar zu machen. Ich weiß, dass sich viele Künstlerinnen auch heute noch die Frage „Art or Babys“ stellen. Als Künstlerin, finde ich, es muss „Art and Babys“ heißen. Es braucht Mütter in der Kunst, damit diese Perspektive und dieser Blick auf die Welt abgebildet wird. Ich weiß, dass ich ganz viel nicht weiß und lerne dazu, daher möchte ich Einblicke in die Fortbildung FEMINIST LEADERSHIP geben, die ich im letzten Jahr besucht habe: FEMINIST LEADERSHIP ist nicht gleichzusetzen mit Female Leadership. Female Leadership ersetzt die männliche Führungsposition durch eine weiblich-gelesene Führungsperson, ohne die Machthierarchien in Frage zu stellen. 

Was ist das gängige Narrativ von Macht, das wir internalisiert haben? 
Es beschreibt einen Leader als HERO, meist männlich, 
ein Decision-Maker, der/die alle Macht in sich vereint, 
die Verkörperung von Charakter und Integrität.
Ein Provider von Visionen, Strategien und Missionen, 
der/die andere zu Höchstleistungen motiviert und 
alle Macht und Entscheidungen in sich bündelt.   

Patriarchale Systeme sind exkludierend, sie bauen Herrschaftsverhältnisse von Klasse und Geschlecht auf. Es ist ein Pyramiden-Denken, an dessen Spitze der weiße Mann steht, gern heterosexuell, verheiratet und christlich, mindestens aus der Mittelschicht und ohne Behinderung. FEMINIST LEADERSHIP ist dagegen eine Verteilung von Macht auf einer horizontalen Ebene: partizipativ, inklusiv, empowernd und gekennzeichnet von einem Wertekanon, einer Praxis und Verhaltensweisen, die gemeinschaftlich, wertschätzend und respektvoll anderen gegenüber und gegenüber Wachstum, Ressourcen und Entwicklung sind. Die Grundlage ist das Wissen darüber, dass sich Machtausübung in drei Dimensionen zeigt: sichtbar, versteckt, unsichtbar. Was meint sichtbar, versteckt und unsichtbar?
Sichtbare Macht zeigt sich darin, wer an der Entscheidungsfindung teilnimmt und wer davon ausgeschlossen ist.
Versteckte Macht wird auch Agenda-Setting-Macht genannt. Also wer beeinflusst die Agenda hinter den Kulissen und wessen Stimme wird gehört und wer wird zu einem bestimmten Thema konsultiert.
Unsichtbare Macht – oder indirekte Macht – meint die Einflüsse auf das Mindset von Menschen, die sozialen Einstellungen, die Vorurteile, die Menschen formen, ohne dabei offensichtlich eine Rolle zu spielen. Die Medien- und Marketing-/Werbebranche sind klassische Anbieter dieser unsichtbaren Macht. Zum Beispiel üben die Medien unsichtbare Macht aus, indem sie ständig Entscheidungen darüber treffen, welche Themen hervorgehoben und welche ignoriert werden sollen, und indem sie Bilder konstruieren und Bedeutungen nachhaltig prägen. 

FEMINIST LEADERSHIP verfolgt zwei Ziele, um einen Wechsel der gängigen Machstrukturen zu praktizieren
1. Die sichtbare, versteckte und unsichtbare Macht kritisch zu hinterfragen
2. Alternative Machtmodelle zu konstruieren, die die sichtbare Form so weit, wie möglich, verstärken und unsichtbare und verborgene Macht schrittweise eliminieren.

Verbunden mit all diesem Wissen, wie stelle ich mir das Theater der Zukunft denn vor? Partizipativ, inklusiv, bildend, nachhaltig, lösungsorientiert, empowernd und divers. Das klingt schön. ABER: Wie werden aus Absichtserklärungen, die wir inzwischen überall lesen, Handlungen ganz im Sinne des Satzes: „Practice what you preach“?
Generell gilt: Wer Transformationsprozesse ermöglicht, hat drei Stellschrauben: Das Geld- und Zeitmanagement und darüber hinaus die Transparenz von beidem.
Das Theater der Zukunft wird sich aus der Umsetzung von Veränderungen in der Gegenwart ergeben. Ich skizziere ganz kurz ein paar Ideen, die nicht neu sind, wie wir alle wissen, haben wir keinen Wissensnotstand, sondern Handlungsbedarf:
· Die Leitung wird durch eine öffentliche Ausschreibung in einem transparenten Prozess gefunden.
· Diese Leitung besteht aus Menschen, die die Perspektiven von mehrfach diskriminierten Menschen vertreten und sich für diese einsetzen. Sie ist inkludierend.
· Es gibt eine vollkommene Gagen- und Honorartransparenz, die eine Deckelung nach unten und nach oben einschließt.
· Die speziellen Bedingungen von Care-Arbeit werden mitgedacht und umgesetzt (wie z. B. Care-Boni, Auszeiten, Planbarkeit der Arbeitszeit und Bewusstsein über Mikroaggressionen)
· Es gibt eine regelmäßige Supervision, sowie die Pflicht Fortbildungen zu besuchen.
· Der Zeitraum einer Intendanz ist begrenzt auf beispielsweise 12 Jahre, damit andere Menschen auch eine Chance bekommen.
· Es gibt eine partizipierte Spielplangestaltung: Das Denken in Sparten kann sich am Intersektionalen Feminismus und am Bewusstsein orientieren, dass unsere Lebensrealitäten vielfältig sind. Schon werden neue Sparten entstehen, diese müssen dann partizipativ gedacht und umgesetzt werden. Natürlich ist das Denken in Sparten fließend und nur eine Orientierung.
Ich beende hier meine Ideenskizze, denn einmal mit den Transformationsprozessen angefangen, entstehen sofort neue Handlungsaufforderungen.

Was kann jede*r einzelne heute schon tun? Seit ich wieder eingestiegen bin in das Theatersystem, agiere ich nach ein paar Merksätzen, die ich gern mit Euch teilen möchte. Und ich mache das mit einer Strategie aus dem Selbstverteidigungstraining, die nennt sich KISS – KEEP IT SIMPLE, STUPID. Daher für alle, die als Graswurzelbewegung heute und morgen schon Change-Maker*innen sind, gibt es jetzt „keep it simple, stupid“ – Empowerment to go! 

Wo ein ICH ist, ist ein Wir – das Private ist politisch!
Es ist ein Trick von Systemen, die Menschen unterdrücken und einzelne privilegieren, bestimmte Menschen zu isolieren. Durch die Isolation wertet das Individuum strukturelle Ungleichbehandlung als individuelles Versagen oder Schuld. ABER merke: Wo ein ICH ist, ist auch ein WIR

Rede über Geld! Gender Pay Gap, Life Earning Gap! Es wird immernoch viel zu wenig über Honorare oder Etats geredet. Aber wo zeigt sich am deutlichsten die Ungleichbehandlung? Daher redet über Geld. Und wenn Ihr viel habt, dann verteilt um! 

Check your privilege! Reflektiert Eure Privilegien, fragt, wo und wie andere supportet und sichtbar gemacht werden können. Es ist die Aufgabe privilegierter Menschen für das Unrecht weniger privilegierter Menschen auf- und einzustehen. 

Rede über Macht! Versuche die Dimensionen von Macht transparent zu machen. Redet über das Wissen, das nicht sichtbar, unsichtbar und versteckt ist. 

Supportet Euch! Schätzt die Zeit, die Arbeit, die Liebe wert, die andere in eine Produktion stecken oder gesteckt haben. Ändert den Blick: statt Defizite zu benennen, verbalisiert das Positive. Das wirkt sich auch positiv aufs Mindset aus. 

Schaff den Geniekult ab! Es gibt keine Genies. Alles, was Menschen erschaffen, ist Synergieeffekten zu verdanken. Erst die Verbindung und Vernetzung von Gedanken, Gefühlen und Erfahrung von vielen Menschen schafft neues. Einzelne hervorzuheben, ist Komplexitätsreduktion und male gaze. 

Check Deine internalisierte Misogynie! Gegenüber Dir selbst und anderen gegenüber. Sei keine Patriachatskomliz*in und auch keine Claqueur*in. 

Reproduziert nichts, was Ihr ablehnt! Don’t do Kanon, wenn es etwas darin gibt, was Ihr ablehnt. Reproduziert keine sexualisierte Gewalt und Rollenmuster. Seid Euch bewusst, dass Ihr sonst dazu beitragt, dass sexualisierte Gewalt normalisiert wird und Rollenmuster bewahrheitet. 

Empowert andere! Es gibt nichts, was Kreativität mehr beflügelt als Empowerment! 

Überrascht Euch! Gegenseitig, aber auch Euch selbst. Strukturen, Architektur, Infrastruktur, Glaubenssätze sind veränderbar. Geht unbekannte Wege, neue Konstellationen und bleibt im „try and error“- Modus und lernende! 

Verbindet Euch! Es fängt damit an, einander vorzustellen, „Hallo“ zu sagen, in Kontakt und in Verbindung zu gehen und zu bleiben. Sucht die Menschen, mit denen Ihr Synergie-Effekte eingehen könnt.

Vernetzt Euch! Tretet Netzwerken bei, weil nicht jede*r muss das Rad neu erfinden! 

Solidarisiert Euch! Macht Missstände sichtbar. Postet sie, erzählt sie weiter, und wenn Sprache gerade nicht geht oder ausreicht, dann stellt Euch als Körper in einem Konflikt dazu. Werdet sichtbar und macht andere sichtbar.