MATHE UND SYSTEME SPRENGEN
Die Forschung hat rausgefunden, dass ein gutes Körpergefühl, also das Benennen der eigenen Körperteile, Erfahrungen mit dem eigenen Körper und anderen Körpern, sowie
die Wahrnehmung im und von Raum, die Grundlage für mathematische Lernprozesse sind. Also Rangeln, Raufen, Toben, Klettern, Fallen, Abrollen, Balancieren, Lego, Kappla und Baupläne bauen. Für alle Lernprozesse
sind Zuversicht, Zutrauen, Zuwendung und Ermutigung von außen wichtig.
Ich mochte und mag Mathe. Frau Wolf hieß meine erste Mathelehrerin, sehr streng, sehr autoritär, Zuversicht und Zuwendung gab’s bei ihr nicht, aber Zutrauen. Sie hat uns geschlechtsunabhängig
gefördert und gefordert, darin war sie gerecht, unerbittlich, streng. Sie war ein Vorbild und so bin ich nicht auf die Idee gekommen, dass ich nicht Mathe lernen kann. Die Lehrerin auf der weiterführenden Schule war ähnlich, wütend und hat uns, wenn wir nicht aufmerksam und konzentriert waren, mit ihrem Schlüssel beworfen. Mein Sohn würde jetzt laut rufen: „Das ist doch schwarze Pädagogik!“
Ja, stimmt. Mathematisches Lernen war ein Kraftakt: nicht aufgeben, durchbeißen, verzweifeln, sich dumm fühlen und nichts kapieren, verzweifeln. Ich konnte im Kopf fühlen, wie
ich immer wieder an die Wände geprallt bin, wie ein Duracell-Hase in einem runden Raum…
UND ABER weswegen ich mathematische Lernprozesse liebe: Ich habe durch sie systemisches Denken und das Sprengen von Systemen gelernt. Es gibt doch so Filmszenen, in denen riesige Glaswände
springen, riesige Aquarien zerbersten, Wände zerschmettern und das Dahinter sichtbar wird. Dieses Gefühl von Energie, von Denksystem sprengen, erkennen, sehen, was dahinter ist und Klarheit gewinnen, das habe ich
gefühlt und gelernt, wenn ich an meine Denksystem-Grenzen in Mathe gestoßen bin, es dann geschafft habe diese zu überwinden und die Aufgabe zu lösen. Wenn ich vor einer mathematischen Aufgabe in einer
Klausur saß, die mir unlösbar schien, hat mir geholfen zu wissen und zu erinnern, dass diese Aufgabe schon gelöst wurde und dass es eine Lösung gibt.