SISTERHOOD


Ich habe keine Schwester, ich hab einen Bruder. Einen großen Bruder. Einen GROSSEN Bruder. Zu dem hab ich immer aufgesehen.
Mein Bruder hat mal gesagt, die Beziehung zu einer Schwester oder einem Bruder ist die längste Beziehung, die ein Mensch haben kann.

Mit 3 Jahren bin ich meinem Bruder und seiner Bande hinterher gestolpert und ihnen durch’s Viertel gefolgt. Die Bande war ein wilder Haufen, Jungs mit Pfeilen, Erbsenpistolen, Matschbomben: Maxi, der Bäckersjunge war zart, klein und wurde von seinem Vater geschlagen, Ralf war kräftig, hat gestottert und wurde von seinem Vater täglich gedemütigt und bei Philipp war einfach alles schief, da war der Vater Polizist, glaub ich, hat geschrien, ein Choleriker.
Mein Bruder war der Anführer dieser Bande. Einer Bande, die sich hinten in unserem Garten, fernab der Gewalt der autoritären Väter und dem Schweigen der co-abhängigen Mütter, verschanzte. Vielleicht war er auch nicht der Anführer, denke ich gerade, vielleicht war er auch einfach nur einer von ihnen und bei uns einfach nur der Ort, oder weil wir den meisten Matsch hatten. Jedenfalls zog diese Bande abenteuerlustig durch die Gärten unseres Viertels und abgesehen vom Rummatschen, Schnitzen und Klingel-Steichen, waren die 4 Jungs friedfertig. Okay, ich wurde gefesselt, abgeschossen und irgendwann hab ich auch beschlossen, dass ich vor der Tür, nach dem Klingelstreich, stehenbleibe, nett lächle und winke, weil ich beim Wegrennen nicht mithalten konnte. Und der Koffer ging auch mal nicht mehr auf, weil das Schloss sich vom vielen Herumwerfen und Toben verhakt hatte und ich fand’s dann im Koffer drin auch irgendwann sehr stickig. 
Die Gewalt, der die Jungs ausgesetzt war, hatte noch eine Normalität, sie passierte den meisten Kindern im Viertel und mein Bruder und ich waren Ausnahmen einer gewaltfreien Erziehung. Dieses Recht wurde erst 2001 gesetzlich verankert und wir alle wissen, dass etwas, was so lange Realität war, sich nicht von heute auf morgen ändert –
Es waren die 80iger und wir Kinder liefen unterm Radar, Helikoptereltern waren noch nicht erfunden und wenn wir spätestens um 19:00 Zuhause waren, waren alle glücklich.

Jahre später, als mein Bruder in der Punkband DIE SCHWIEGERSÖHNE Schlagzeug spielte und Tags sprühte, schlich ich nur noch in seinem Bannkreis herum, es öffneten sich mir durch ihn die Türen des Jugendzentrums und des besetzen Hauses. Allerdings war ich dann nur noch drum herum, als kleine Schwester mehr ignoriert und höchstens geduldet. Aber etwas von seinem Glamour fiel als Glitzer auf mich herab.

Dann zog ich weg aus der Kleinstadt, wurde Regisseurin, stand plötzlich im Scheinwerferlicht, war immer busy und mega erfolgreich oder einfach mega busy ohne erfolgreich, jedenfalls immer mega weit weg in einer Bubble. Und plötzlich drehte sich unser Verhältnis. Ich wurde von der kleinen Schwester zur Schwester und er wurde vom großen Bruder zum Bruder.

Mein Bruder und ich haben im Januar 2022 das Haus unserer Kindheit leergeräumt. Neben vielen Erinnerungen, Staub und Mäusescheiß haben wir festgestellt, dass wir – obwohl wir seit langem nicht mehr in der gleichen Stadt wohnen, seit 30 Jahren nicht mehr den Alltag teilen, seit langem in Partnerschaft und Elternsein leben, also lange in anderen Familien-Systemen aktiv sind – dass wir ähnlich ticken, denken, nonverbal handeln und teilweise verbal synchron sprechen und antworten. Das ist verrückt. Das ist irre. Das ist Siblinghood. Das ist Geschwisterschaft für mich.

“You are my heart
you are my soul 
you are the feeling 
that love will grow”