SLIDEN
Unser Sohn lernt gerade Skateboard fahren. So stehe und sitze ich nach 16:00 auf einem Skateplatz und schaue zu, wie er die Rampen hinauf und hinunter rollt. Zusehen ist wichtig, einmal habe ich nebenher telefoniert oder einmal versucht zu lesen, weil das Buch für die Arbeit noch eben schnell fertiggelesen werden wollte.
„Du sollst zusehen!“, „Schau hin!“, „Mama!“ bin ich ermahnt worden: „Halte gefälligst den Augenkontakt, drifte nicht ab, konzentrier dich!“
Und ich verstehe das. Das hab ich mir vorgenommen, ab dem Moment als die Jungs in die Kita gingen. Nach einem 8-Stunden-Tag Arbeit in Schule oder Kita haben sie ein Recht, wenn sie wollen,
auf eine anwesende Mutter, auf Kontakt, Beziehung und Verbindung. Und daran versuche ich mich seit 11 Jahren zu halten, ermahne mich, scheitere an meinem Vorsatz und betrüge mich oft mit dem Satz: „Ich mach nur
mal schnell…“
Multitasking ist ja erwiesen gar nicht möglich, „schwedische Wissenschaftler*innen haben festgestellt“, dass nur sehr wenige Menschen ihre Aufmerksamkeit wirklich teilen können,
die anderen tun nur so und können ihre Aufmerksamkeit eigentlich nur auf eine Sache fokussieren.
So und da sitze oder stehe ich und sehe zu, wie unser Sohn sein Gleichgewicht verlagert und rollt, da fühle ich plötzlich, wie meine Spiegelneuronen von seinen Bewegungen und seiner
Geschwindigkeit getriggert werden. Ich sehe ihn gleiten, driften, sliden. Und da spüre ich dieses Gefühl: Sliden. Ein Gefühl von Bewegung, Tempo, Gefahr. Wie die Luft sich als Windhauch um den Körper herumlegt und teilt. Wie die eigene Beschleunigung
Windhauch und Wirbel erzeugt.
Ich bin als Kind Rollschuh gelaufen, die meisten kennen Eislaufen und das aber eben auf vier Rollen ohne Eis. Es gab Pflicht und Kür. Ich war in beidem bestimmt nicht gut UND egal, weil: am Anfang musste ich
mich einlaufen, also mit viel Tempo Runden laufen. Und da war ich sehr schnell und mein Körper hatte kein Gewicht mehr, da entstand dieses Gefühl: Sliden.