Jorinde Dröse

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TOGETHER


Es macht mir gerade keinen Spaß mehr, darüber nachzudenken, wogegen ich bin, was schiefläuft und Zustände anzuprangern. Ich fühle den Spruch »I can’t believe, I’m still protesting this shit« in jeder Synapse. Im Laufe meiner Regietätigkeit konnte ich viele Erfahrungen mit patriarchalen Machthierarchien sammeln und immer wieder ploppte dann die Frage auf, wie ein Gegenentwurf aussehen kann?
Ich habe in der letzten Arbeit das Wort CHEESY neu kennengelernt. Genau kann ich noch nicht fassen, was es bedeutet - verstanden hab ich, dass es etwas umschreibt wie die Konsistenz von zerlaufenem Käse. Also, Leute, immer wenn’s mir zu cheesy wird, schreib ich Euch meine Gedankenfetzen kursiv auf, damit bleibt’s CHEESY, ist aber vielleicht unterhaltsamer.
Der Gegenentwurf … In meiner Arbeit habe ich für mich Antworten gefunden, viel davon besteht aus intuitivem Handeln, das auf gemachten und reflektierten Erfahrungen beruht, daher fange ich mal biografisch an.

Ich bin 2016 aus dem Theatersystem ausgestiegen, habe eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht und drei Jahre in einer Waldkita gearbeitet. Ich wollte herausfinden, wie das geht, Kinder ins Leben zu begleiten und sie dabei zu unterstützen, kommunikative, emotionale und soziale Kompetenzen zu erlangen. Das war eine sehr schöne Zeit mit viel interessantem Input, Begegnungen und Perspektivwechseln. 2022 bin ich mit neuem Wissen, neuen Erfahrungen und vielen Fragen wieder in das Theatersystem eingestiegen: Was hat sich nach #Metoo strukturell im Theatersystem verändert? Wo sind die Theater, die Transformationsprozesse (wie z. B. den Gender-Pay-Gap abzuschaffen oder für Diversität im Ensemble oder für Gleichberechtigung in der Präsenz der Geschlechter zu sorgen) bewusst angestoßen haben? Ich bin jedoch auch mit Vorhaben in Bezug auf meine eigene Arbeitsweise zurückgekommen und die klingen so schön wie: „Don’t work with assholes“, „Don’t do kanon“, „Schaff‘ so viele Gaps, wie möglich ab“, „Sorge für die Präsenz von anderen Perspektiven“, „Teile Deine Privilegien“ und „Arbeite mit Deiner eigenen Vulnerabilität und in Verbundenheit“. 
Dieser Text würde zu lang und auch zu langatmig werden, ich würde mich mit mir selbst langweilen, wenn ich meine Vorhaben in Bezug auf ihre Erfüllung in den letzten drei Jahren hier reflektieren würde. Daher, Tadaa, kommt Ihr nun in den Genuss, dass ich für die Beschreibung des Gegenentwurfs auf „Arbeite mit Deiner eigenen Vulnerabilität und in Verbundenheit“ eingehe.

Was machen wir eigentlich die ganze Zeit (6–8 Wochen) in den Proben auf der Probebühne/Bühne? Wie entsteht Spiel miteinander (Spiel mit dem Text, den Kolleg*innen, dem Bühnenbild, dem Kostüm, der Musik, dem Video und der Regie)? Wie entsteht ein Raum, der Kreativität möglich macht?
Für mich sind Probenprozesse im Idealfall Synergieeffekte aller Beteiligen. Es entsteht ein gemeinsamer Flow. Unvorhersehbar. Vorher unvorstellbar. Ein Netz aus Kreativität, Energie und Fantasie. Irgendwie magisch. 
Na toll. Magisch. Geht’s noch? Das ist jetzt wirklich cheesy. Und apropos Magie: Wie war das, „ein Magier verrät nie seine Tricks“? Und was ist eigentlich die weibliche Form von Magier?
Ich kann für mich sagen, dass ich über Verbindung und Verbundenheit arbeite. Schon wieder zwei so schwammige Begriffe. Ich kann das nur so. Meine Kreativität fließt am besten, wenn ich mich freue, Spaß habe, lache und ich Gefühle wie Zuversicht und Vertrauen fühle. Also keine Konflikte, alles schön soft und voller Harmonie?  - Nee, das meine ich nicht, Konflikte gehören dazu. Die sind dazu da, um gelöst und angesehen zu werden. Nee, ich meine so ein Gefühl von Verbundenheit, so kribbelig, angenehm, voller Zuversicht, so tüfteln und was Neues erfinden, miteinander. Ich krieg’s nicht formuliert. Ich weiß, dass andere Menschen anders arbeiten, manche brauchen Druck und Stress, um kreativ zu sein. Ich habe im Laufe der Jahre Menschen kennengelernt, die sehr gut über Widerstand, Misstrauen und Destruktion arbeiten können. Ich kann das nicht. Bei Druck, unter Stress und gepusht, da passiert bei mir folgendes: Alles blockiert, mein Hirn friert ein, ein riesiges Denkvakuum mit unendlicher Echofunktion entsteht, meine Gefühle verstecken sich, meine Mimik rennt ins Chaos, und ich versuche mich dann meistens als Exitstrategie weg- und rauszulächeln.

Einmal war ich auf einem Konzert von Kae Tempest und durfte dort spüren, wie Kae Tempest Verbundensein mit und im Publikum erzeugt. Das war wirklich irre. Wie ein Glitzerstaub aus Funken, der sich im ganzen Zuschauer*innenraum verteilt. Kae Tempest hat über Verbundensein (Connection) ein Buch geschrieben und ich zitiere: „Kreativität ist die Fähigkeit zu staunen und der Wunsch, auf das zu reagieren, was uns verblüfft. Oder einfacher gesagt, jede von Liebe getragene Handlung ist kreativ. Jede Form des Machens. Meistens ist Kunst damit gemeint, aber tatsächlich lässt sich der Begriff auf alles beziehen, was Aufmerksamkeit, Geschick und Erfindungsgabe verlangt. (…) Verbundensein ist das Gefühl, in der Gegenwart zu landen. (…) Kreatives Verbundensein ist der Einsatz von Kreativität, um Verbundensein zu erreichen und sich mit denjenigen, die den Moment mit einem teilen, in einem Raum größerer Verbundenheit zu begeben.“1

Für mich sind Probenprozesse sehr aufregende Vorgänge. Auch nach und mit 25 Jahren Erfahrung bin ich immer noch sehr aufgeregt bei der Lese- und Konzeptionsprobe. Es fühlt sich an, wie ein Wirbelsturm aus Vorfreude, Freude, Wiedersehen nach langer Zeit, Euphorie und Geburtstagsparty. 
Mein Hirn kann gar nicht so schnell sortieren, was da an Gespräch, Gefühl und Bedürfnis aufeinandertrifft. Um diese Erfahrung der ersten Begegnung mit dem Ensemble zu reflektieren und in den Probenprozess fließen zu lassen, versuche ich meine Wahrnehmung zu öffnen und offenzuhalten. Okay, das ist schon wieder alles so schwammig. Wie geht das konkret? – Ja, genau, apropos schwammig. Es ist ein bisschen, wie ich mir vorstelle, wie ein Schwamm sich fühlt. - Schwämme fühlen nichts. - Ja, okay, schon klar. Die im Waschbecken nicht, die im Meer aber schon. Egal.
Ich versuche meine eigenen Grenzen, Wahrnehmungen zu fühlen, gleichzeitig die der anderen Menschen wahrzunehmen, aufmerksam zu sein und einen Resonanzraum zu bilden. Es bleibt schwammig.
Meine quirlige Aufregung legt sich in den ersten Probenwochen, was bleibt, wenn es mit der Verbundenheit mit den Menschen im Proberaum klappt, ist eine große Freude. Freude darüber, mit diesen Menschen Kreativität auszutauschen, durch die Klugheit des Teams und des Ensembles so beschenkt, von dem, was entsteht, so überrascht und vom Spiel so berührt zu werden.

Kommen wir zum Begriff Vulnerabilität. Um in Verbindung zu gehen und sein zu können, gehört für mich dazu, dass ich mit mir und meiner eigenen Verletzlichkeit (Vulnerabilität) verbunden bin. Das ist doch jetzt noch so ein Emo-Begriff, der in unserer Leistungsgesellschaft voll unangenehm ist und nach Periodenslip und Soulfood klingt. Das will doch keiner wissen. - Ja, ich weiß, ich beschreibe es trotzdem. Ich versuche auf der Probe und im Probenprozess mit meiner eigenen Verletzlichkeit oder Vulnerabilität zu arbeiten. Ja, aber was heißt das denn jetzt konkret? Ich mache kenntlich, wenn mich etwas bewegt, stört, triggert, welche Ticks und Bedürfnisse ich habe, und welche Bedingungen ich zum Arbeiten brauche. Eine Art Self-Care, die ich versuche zu kommunizieren, und ich bitte alle am Probenprozess Beteiligten, dies auch zu tun. Mit der eigenen Verletzlichkeit zu arbeiten ist sehr entlastend und beflügelnd, weil es die Kommunikation klarer macht. Wenn ich morgens schon ärgerlich auf die Probe komme, weil ich schlecht geschlafen und in irgendeiner Warteschleife gehangen habe, mir die Vorfahrt als Radfahrerin genommen wurde, oder ich mir Sorgen um meine Familie mache, hilft es, das zu sagen und damit dafür zu sorgen, dass ich mein »Grumpysein« nicht auf die Menschen und die Probe übertrage. Oder ebenso, die Freude auf der Probe auszudrücken, dass wir miteinander arbeiten dürfen oder wir einen szenischen Entwurf gefunden haben. Eine Durchlässigkeit und Transparenz von emotionalem Erleben eben.

Ich habe herausgefunden, dass es Städte und Theaterhäuser gibt, in und an denen ich mich nicht wohlfühle und andere Städte und Häuser, an denen ich eine Energie spüre, die mich empowert. Warum ist das wichtig für den Probenprozess, wie eine Stadt zu mir ist und ich mich in einer Stadt fühle? Weil es Einfluss auf meine Arbeit hat, wie ich lebe, welche Begegnungen ich habe, wenn ich nicht arbeite. Als Regisseurin gebe ich meinen familiären, selbst gewählten Alltag auf, um in einer anderen Stadt zu arbeiten. Wenn ich mich in der Stadt nicht wohlfühle, dann will ich so schnell wie möglich weg, nach Hause, wo es immer schöner sein wird. Klar, aber auch ein Luxusproblem! Ich sag nur: Achtung Privilegien! Jammern auf hohem Niveau … ja, stimmt, aber erfahrungsgemäß gehen viele meiner Energien und Ressourcen so verloren ODER ABER ich bin beschwingt von der Stadt und gerne da. Dann komme ich auch beschwingt mit Freude auf die Probe.

Als Regisseurin habe ich Mitsprache, wer im Inner Circle mit im Proberaum sitzt, ich stehe aber wiederum unter dem Einfluss des erweiterten Zirkels der Menschen, die an einem Haus arbeiten. Wenn ich neu an ein Haus komme, dann lerne ich das gewachsene Arbeitsklima kennen, den »Ton«, der an diesem Haus gepflegt wird. Und da gibt es große Unterschiede, welche Kultur der Kommunikation und des Umgangs miteinander gelebt werden. Auch das bestimmt den Probenprozess und meine Möglichkeit in Verbindung zu treten. Das fängt damit an, wie sich begrüßt, in die Augen gesehen, einander vorgestellt und innerhalb kurzer Zeit sich verbunden wird. Es gibt ein Zutrauen in die Begegnung und in die Kompetenzen des Gegenübers. Es macht richtig Spaß, Freude und Frohsinn hier zu arbeiten! Und Verbundensein entsteht scheinbar ganz leicht, ohne viel Zutun, und das ist wirklich magisch! So. Ich habe jetzt wirklich alles gegeben, um zu beschreiben, wie es geht. Es fühlt sich allerdings nach einem Fail an, aber nur deswegen, weil das Gefühl der Verbundenheit so feinstofflich ist, dass die Beschreibung auf dem Papier, in Wort, in Schrift dem nicht nah kommt. Aber wer es kennt, weiß eh, was ich meine und wer es nicht kennt, darf sich darauf freuen, es zu fühlen.

Die Schweizer Soziologin Franziska Schutzbach hat gerade ein Buch mit dem Titel Revolution der Verbundenheit geschrieben und vielleicht trifft sie es: „Denn wenn wir die Verbundenheit pflegen, entscheiden wir uns ein Stück weit für eine positive Haltung dem Leben und den Menschen gegenüber. Verbundenheit zu leben bedeutet, dass wir daran glauben, dass andere gut sind und es gut mit uns meinen. Solange wir Beziehungen zu anderen leben und vertiefen, haben wir Hoffnung, dass es eine Welt geben kann, in der Menschen einander wohlgesonnen sind und miteinander leben wollen.“2

1  Verbundensein, Kae Tempest, Suhrkamp Verlag Berlin 2021, S. 15.
2  „Revolution der Verbundenheit – Wie weibliche Solidarität die Gesellschaft verändert“, Franziska Schutzbach, Droemer, München 2024, S. 283.